WENN SCHIFFE VERSINKEN

Raues Klima, hohe Wellen, scharfer Wind. Die Nordsee birgt auch Gefahren. Dagegen ist die Ostsee ein kleines und scheinbar ungefährliches Meer. Und doch gibt es Meldungen wie die vom Winter 2016: Vor der Insel Fehmarn sinkt der Fischkutter »Condor«.

Es gibt keinen Notruf. Die See ist ruhig. Stunden später finden Suchschiffe die Leichen der beiden Fischer. Ein Unglück, das Rätsel aufgibt und auch in der Nordsee vor Wangerooge passieren könnte. Am Morgen jenes Tages legen der Kapitän und sein Matrose mit ihrem 16 Meter langen Kutter im Hafen von Burgstaaken auf Fehmarn ab und fahren raus zum Fischfang. Wie die »Lübecker Nachrichten« schreiben, hätten sie gegen Mittag Unterstützung bei ihrer Rückkehr in den Hafen von Burgstaaken angefordert, weil sie so viel Fisch gefangen hätten. Das war der letzte Kontakt. Als die Condor gegen 18 Uhr noch immer nicht zurück ist, wird eine Such- und Rettungsaktion gestartet. Was in der Zwischenzeit geschieht, liegt bis heute im Dunkeln.
Fakt ist: Am Tag des Untergangs herrscht klare Sicht bei Windstärke vier aus südlicher Richtung. Laut Radaraufzeichnungen verschwindet die Condor nicht plötzlich. Sie verharrt einige Zeit auf der Stelle. Ein Indiz, dass der Kutter nicht schnell untergegangen ist. Der Unglücksort liegt etwa 6,5 Kilometer vor der Ostküste Fehmarns. Es wird kein Notrufsignal abgesetzt.

Eine Seenotfunkbake, die bei Kontakt mit Wasser automatisch ein Signal senden soll, bleibt stumm und unauffindbar. Die Rettungsinsel bleibt am Schiff hängen, anstatt sich zu lösen und aufzublasen. Das Wrack weist beim Auffinden keine äußerlichen Beschädigungen auf. Fotos der Bergungsarbeiten zeigen aber einen großen Riss auf der Steuerbordseite. Zwei Stunden nach Beginn der Suchaktion werden im Wasser treibende Fischkisten entdeckt. Kurz darauf die leblosen Körper der Fischer. Sie tragen keine Schwimmwesten. Der Kapitän hat aber einen Rettungsring umgelegt. Die Obduktion ergibt später: Die Seemänner sind nicht ertrunken, sondern im vier Grad kalten Wasser an Unterkühlung gestorben. Das Wrack ortet man erst vier Wochen später. Auf der Insel Fehmarn ist man ratlos. »Es war bestes Fischereiwetter. Kein spiegelglattes Meer, aber auch keine hohen Wellen. Die Sonne schien«, sagt Benjamin Schmöde, Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft Fehmarn, zu t-online.de. Der Kapitän (52) und sein Matrose (45) seien erfahren und zuverlässig gewesen. Wen und warum die beiden angefunkt und um Hilfe bei der Rückkehr gebeten haben, kann Schmöde nicht sagen. Vielleicht sollte jemand bei der Verarbeitung des Fischs helfen, aber das sei nur eine Mutmaßung. Zu den Spekulationen um die Unglücksursache möchte er sich nicht äußern. Er kenne die Familien. Das Ganze sei schon tragisch genug.

SCHIFF HATTE SCHON DAS »LEICHENHEMD« AN
Ist die Ursache des Untergangs vielleicht im Alter des Schiffes zu suchen? Auch wenn die Condor in einem guten technischen Zustand gewesen sein soll, sie war nicht mehr die Jüngste. Gebaut 1943, der Rumpf ist aus Holz. Der Journalist und Schiffsexperte Lutz Riemann, Mitautor des Buches »Der Fall Beluga: Ein Unglück auf der Ostsee und wie es vertuscht wurde«, verrät im Gespräch mit t-online.de: »Man sagt, sie hatte schon ihr Leichenhemd an.« Das bedeutet, der Holzrumpf wurde nach außen mit Polyester oder Epoxyd in Verbindung mit Glasfasergewebematten laminiert. Diese Schicht bildet eine zweite Außenhaut, birgt aber bei alten Schiffen die Gefahr, dass das Holz darunter zu gammeln beginnt, wenn es beim Aufbringen des Laminats nicht richtig trocken ist. Riemanns Vermutungen decken sich mit den Aussagen von Jens Pap, dessen Bergungsunternehmen das Wrack der Condor vier Wochen nach dem Untergang aus 22 Metern Wassertiefe holte und zur Untersuchung nach Rostock brachte. »Der Schiffsrumpf ist laminiert«, bestätigt er. Und er kann den großen, sichtbaren Riss in der Bordwand des Kutters erklären: »Dieser Riss geht nur durch die laminierte Schicht. Während der Bergungsarbeiten ist diese Schicht beim Absetzen gerissen, weil sie unter Spannung stand.« Der Holzrumpf darunter sei, soweit erkennbar, unbeschädigt. Auffälligkeiten, die auf die Unglücksursache deuten könnten, hätten die Bergungstaucher nicht entdeckt. Jedoch befanden sich an Deck Netze mit noch lebenden Fischen. Die Netze wurde aufgeschnitten, um die Fische frei zu lassen und die Sicherheit der Taucher zu gewährleisten.

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UNTERSUCHUNG KANN EIN JAHR DAUERN
Die Nachricht von den vollen Netzen befeuert nun die Gerüchte, nach denen das Schiff beim Heben des Fangs durch eine Verlagerung des Schwerpunktes gekentert sein könnte. Doch daran glaubt der Experte Lutz Riemann nicht. »Dazu war die Besatzung zu erfahren. Die lassen ihren Kutter nicht beim Einholen der Netze kentern.«
Wie viel Fisch gefangen wurde, müsste im Fischereilogbuch des Schiffes stehen. Das zu führen, sind die Fischer verpflichtet. Auch auf See. Doch ob das Buch gefunden und geborgen wurde, darüber gibt es keine Auskunft. Die Bergungsmannschaft jedenfalls habe keins gesehen, so deren Chef Jens Pap. Verantwortlich für die Aufklärung solcher Unfälle ist die Bundesstelle für Schiffsunglückuntersuchung (BSU). Doch dort hält man sich bedeckt. Bis ein endgültiges Untersuchungsergebnis vorliegt, kann ein Jahr vergehen, heißt es auf Anfrage. Die Untersuchungen in Rostock seien zwar vorerst abgeschlossen, doch nun müssen die Gutachten erstellt werden und »die brauchen ihre Zeit«. Neben der Überprüfung der Maschinenanlage und des Equipments sowie des Rumpfes werde »eine mögliche Überladung des Schiffs Gegenstand der Untersuchung sein«, so ein Sprecher.
GEFÄHRLICHE REVIERE
Aber auch ohne Überladung und trotz bester Wetterbedingungen – Gefahren lauern in der Ostsee überall. Sie ist ein gefährliches Revier und gehört zu den am stärksten befahrenen Gewässern der Welt. Dabei ist die Ostsee mit einer Fläche von rund 420.000 Quadratkilometern nur ein kleines Binnenmeer, aufgeteilt in viele Buchten und durchzogen von vielen Inseln. Rund 1.800 Schiffe, Frachter, Fähren und Tanker, sind tagtäglich zwischen Finnland und Dänemark unterwegs. Fischkutter, Segler und Sportboote nicht mitgezählt. Viele der großen Schiffe fahren unter Billigflagge, sind zum Teil schlecht ausgerüstet. Es herrscht hoher Termindruck. Dazu kommen in dem durchschnittlich nur 55 Meter tiefen Meer gefährliche Untiefen und Sandbänke, viele Wracks sowie die Altlasten des Zweiten Weltkriegs: jede Menge Munition, von Seeminen bis zu chemischen Kampfstoffen. So bleibt der Untergang der Condor weiter rätselhaft. Warum sank sie? Und warum gaben die Seeleute keinen Notruf ab und begaben sich in eine Rettungsinsel? Vor allem für die Angehörigen der ums Leben gekommenen Seemänner ist das keine leichte Situation. Wollen Sie doch endlich wissen, warum die beiden Fischer starben. Doch ob technischer Fehler oder menschliches Versagen – der Fall zeigt, dass sich direkt vor unserer Küste ein Schifffahrtsdrama abspielen kann, von dem im Moment der Katastrophe niemand etwas mitbekommt und dessen Ursachen völlig im Dunkeln liegen.

FOTO: BERND STENGER

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ROBBEN IM MÜLLSACK

Was haben ein niederländischer Fußballprofi und ein um Wangerooge beheimatetes Tier gemeinsam? Nun, abgesehen vom Namen verbindet sie auf den ersten Blick nicht sehr viel. Jedoch sorgte Arjen Robben im vergangenen Monat mit seinen Teamkollegen dafür, dass eine altbekannte Bedrohung für die Seerobben abermals zum Gesprächsthema wurde.

Plastikmüll in den Weltmeeren wird vielen Meeresbewohnern immer wieder zum Verhängnis. Auch vor Wangerooge haben viele Robben mit Ozeanabfällen zu kämpfen. Die Stars des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München mit dem Niederländer Arjen Robben, machten im November auf besondere Art und Weise auf diesen Umstand aufmerksam. Am 05.11.16 stand die Ausstattung der Münchener im Mittelpunkt. Grund dafür war das Trikot der Spieler. Es bestand aus Garnen und Fasern, die aus recycelten und aufbereiteten Plastikabfällen gefertigt wurden, welche zuvor an der maledivischen Küste eingesammelt wurden. Mit dieser Aktion versuchte Ausrüster Adidas auf ein beachtliches Problem aufmerksam zu machen, denn immer mehr Tiere werden Opfer von umher schwimmenden Plastikteilen, an denen sie sich verletzen oder in ihnen verfangen können.

»PLASTIC IS FOREVER« Doch was genau passiert mit dem Müll im Ozean? Grundsätzlich wird der Plastikmüll oftmals im Meer entsorgt und dort durch Winde, Wellen und Strömungen verteilt. Allerdings wird er nicht ausschließlich in seiner ursprünglichen Form zur Gefahr für die Meeresbewohner. Auf langer Hinsicht (dieser Vorgang dauert bis zu 600 Jahre) sorgen Meeressalz und intensive Sonneneinstrahlung dafür, dass sich größere Teile in winzige Plastikteilchen (Mikroplastik) zersetzen. Diese sinken wiederum an den Meeresgrund und werden von Krebsen oder Fischen aufgenommen. Auf diesem Weg gelangt der Müll in die Nahrungskette, wird von Vögeln und Robben gefressen, und irgendwann auch von den Menschen in Form von Fisch und Meeresfrüchten konsumiert.

FILMSTART AUF WANGEROOGE Gerade in der heutigen Zeit wird unser Umgang mit der Umwelt immer wichtiger. Aktionen wie die der Bayern und Adidas sorgen für die nötige Aufmerksamkeit. Jedoch ist es letztendlich jeder Einzelne, der die Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Der Filmemacher Wolf-Dietrich Hufenbach will mit seinem Film »Permanent: Plastic is Forever« noch weiter auf die oben geschilderte Thematik eingehen. Mit den Dreharbeiten zum Film über Plastikmüll im Meer und die Folgen, hatte Hufenbach bei den ersten Wangerooger Müllsammeltagen im Sommer begonnen. Bei dieser Aktion waren mehr als 30 Müllsammler dem Aufruf von Mellumrat, Zukunftswerkstatt, dem Nationalpark-Haus, sowie der Gemeinde-/Kurverwaltung gefolgt, um dann am Strand all das aufzusammeln, was dort nicht hingehört. Auf der Zedeliusstraße wurde im Anschluss außerdem ein Strandmüll-Sortierungsplatz eingerichtet. Der Film wurde am 12. November im Wangerooger Rosenhaus uraufgeführt. Danach stand der Regisseur für offene Fragen der Zuschauer zur Verfügung.

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TEXT: MARC OSENBERG

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DER TOTE WAL UND DAS MASSENSTERBEN

pottwal-woogeIm vergangenen Winter sorgte der erste auf Wangerooge angeschwemmte tote Wal für Aufsehen.  Die MOIN berichtete ausführlich über die Ursachen und Folgen.

Fünf große Massensterben hat es in den vergangenen 540 Millionen Jahren gegeben. Wissenschaftler befürchten, dass die Menschheit gerade ein sechstes auslöst. Ob es dazu kommt, ist noch offen. Paläontologen machen jedoch bei dem, was heute in den Meeren geschieht, ein neues Muster aus: Anders als früher verschwinden vor allem große Tiere, wie auch Dagmar Roehrlich in einem Beitrag für den Deutschlandfunk feststellte. Was derzeit in den Meeren geschieht, hat keine Parallele in der Erdgeschichte. Mit die sem Ergebnis hatte Jonathan Payne von der Stanford University nicht gerechnet. Zusammen mit seiner Arbeitsgruppe hat er sich angeschaut, welche Tierarten heute in den Ozeanen vom Aussterben bedroht sind. Und dieses Muster verglich er dann mit dem, was in der Vergangenheit passiert ist: »Anders als früher ist heute das Aussterberisiko eng mit der Körpergröße verbunden: Große Arten sind generell stärker vom Aussterben bedroht als kleine – und zwar gilt das für alle, gleichgültig, ob es sich um Fische handelt, Muscheln oder Schnecken.«

Hingegen lässt sich für die vergangenen 445 Millionen Jahre statistisch kein Zusammenhang zwischen Körpergröße und dem Risiko auszusterben feststellen: Wenn wir uns also fragen, ob wir etwas aus der fossilen Überlieferung darüber lernen können, was heute geschieht, heißt die Antwort wohl: Nein. Dabei laufen derzeit genau die Prozesse ab, die auch früher Auslöser von Katastrophen waren – allerdings ohne dass der Mensch sie antrieb: globale Erwärmung, Meeresversauerung, das Absinken des Sauerstoffgehalts im Wasser. Und doch ist das »Aussterbemuster« anders. Wir schließen daraus, dass der Mensch ganz unmittelbar hinter der aktuellen Entwicklung steckt: Die wahrscheinlichste Erklärung dafür, dass heute vor allem die großen Arten bedroht sind und nicht die kleineren, ist schlicht und einfach die Überfischung.

DER MENSCH STECKT HINTER DEN PROBLEMEN

Bringt der Mensch durch Überfischung die größeren Tierarten zum Verschwinden, dürfte das über Jahrmillionen hinweg schwerwiegende Konsequenzen haben. Selbst wenn rein zahlenmäßig weniger Arten verloren gehen als bei den Massenaussterben früherer Zeiten. Schließlich sind die großen Arten zentrale Mitspieler in den Ökosystemen. So formen sie als »TopRäuber« Nahrungsnetze. Wo beispielsweise Haie fehlen, geht die Artenvielfalt insgesamt zurück. Große Arten sind auch sehr effizient darin, Nährstoffe – etwa über Fäkalien – in der Wassersäule zu verteilen. So sind sie ein wichtiger Faktor, wenn es darum geht, wo Tiere und Pflanzen gedeihen können und wo nicht. Immerhin habe die Erkenntnis, dass heute der Mensch durch die Fischerei hinter den Problemen stecke, etwas Gutes, urteilt Jonathan Payne: »Wenn bereits der Klimawandel hinter dem Muster stecken würde, die Meeresversauerung und das Anwachsen sauerstoffloser Zonen, dann ließe sich das nur schwer umkehren. Denn selbst wenn wir jetzt in diesem Moment aufhörten, Kohlendioxid zu emittieren, die Folgen werden uns über Tausende oder Zehntausende Jahre hinweg begleiten. Biologische Populationen hingegen erholen sich sehr schnell, wenn man sie lässt.« Und weil die großen Arten erst vom Aussterben bedroht sind und noch nicht verschwunden, wäre schon viel gewonnen, wenn man die Überfischung stoppte. Damit hängt auch in diesem Punkt derzeit die Frage nach der Zukunft der Meere vor allem von der Vernunft der Menschheit ab.

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HALLELUJAH!

Was machen die Theaterstars, Gospels und Diptams im kalten Insel-Winter?

Keine Frage: Mit seinen melancholischen, poetischen und philosophischen Songs hat er Musikgeschichte geschrieben. In diesen Wochen trauern nicht nur Wangerooger Künstler und Prominente weltweit um den legendären kanadischen Künstler Leonard Cohen, der im November im Alter von 82 Jahren verstorben ist.

s eine Texte handelten oft vom Tod. Doch so nah wie in diesem Jahr kam Cohen seinen Zuhörern mit dem Nachdenken über Abschied und Loslassen noch nie. Er werde angesichts nachlassender Gesundheit einige noch unfertige Songs wohl nicht mehr beenden können, erzählte Cohen in einem Interview kurz vor der Veröffentlichung seiner 14. Studioplatte in knapp 50 Jahren. »You Want It Darker« erschien einen Monat nach seinem 82. Geburtstag. Die Zukunft sei ungewiss, er sei »zum Sterben bereit«, sagte Cohen dem »New Yorker«. Und fügte lakonisch hinzu: »Ich hoffe, es wird nicht allzu unbequem …« Hallelujah – den von Cohen in der ihm eigenen Art interpretierten Song übernahm auch der Wangerooger Gospelchor Vocal Waves in sein Programm. Im Winter erscheint die neue CD des bekannten Chors. Genau: Ende Januar 2017. Bis dahin heißt
es auch bei den Sängerinnen und Sängern: Üben, üben, üben …

KEINE WINTERPAUSE Obwohl es im letzten Sommer ruhig um die Theater-Crew geworden ist, so ist sie im Winter voller Tatendrang. Es gibt sie noch, die Kultur-AG der Inselschule, die ja durch die Einrittsgelder der jährlichen Auftritte finanziert wird. Im grauen November war auch das Ensemble eingeladen, eine gemeinsame, kleine Reise zu unternehmen. Karl Sohns, Ursel Huber, Antje Pollex sowie Klaus Brüggerhoff und Elke Gerdes begleiteten die fünf Mädels der Kultur-AG nach Bremerhaven. Kaum angekommen gab es auch schon eine geführte Hafenbesichtigung, gefolgt von einer atemberaubenden Musical-Aufführung im großen Haus des Stadttheaters. Ein bisschen gruselig wurde es bei »Dracula«, der als sehr mo
derne Musical- Inszenierung die zehn Besucher von der Insel schwer beeindruckte.

Am folgenden Vormittag wurde das Programm bei einer informativen und höchst interessanten Führung durch das Stadtmuseum Bremerhaven abgerundet. Außerdem gehen die Proben für das neue Stück »Drei Damen und ein toter Kater« weiter. »Wir sind voller Motivation«, betonte Antje Pollex. Die Premiere wurde dieses Mal in den Winter verlegt. Voraussichtlicher Termin hierfür ist der 9.12. um 20.30 Uhr in der Aula der Inselschule.
TROMMELN FÜR W’OOGE Die Trommelgruppe »Wangoo Diptams« begrüßte ihren langjährigen Coach Mario Scholz aus Bad Oeynhausen mit seiner Lebensgefährtin Jutta auf Wangerooge. Das Insulaner-Treffen auf Spiekeroog (3. bis 5. März 2017) ist nicht mehr lang hin, also musste ein neues Stück her, denn die Damen wollen wie bei allen ihrer Auftritte bei »Insulaner Unner Sück« wieder angenehm überrraschen. Zwei Tage wurden kreative Ideen ausgefeilt und stets im Rhythmus stundenlang geprobt, bis spät in die Abendstunden. Was dabei herausgekommen ist, wird an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten. Und wenn so oft die Frage der Insel-Gäste in der Hauptsaison gestellt wird »Was machen Sie eigentlich im Winter?« so kann so mancher Inselbewohner getrost antworten: »Langeweile haben wir nie.«

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WINTERPAUSE

Die erhöhte Deichstrecke endet gut hundert Meter vor dem Übergang des Dorfgrodendeichs in den Ostgrodendeich. Warum? Die Bauarbeiten zur Erhöhung und Verstärkung des Dorfgrodendeichs auf Wangerooge sind Mitte November 2016 erst einmal zum Abschluss gekommen. Der zeitweise gesperrte Deichkronenweg wird wieder durchgehend begehbar und befahrbar sein.

»Die Sturmflutsicherheit ist bei der kürzlich abgehaltenen Deichschau festgestellt worden«, teilt der Auftraggeber, der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), auf Nachfrage mit. Ende April hatten die Arbeiten am Deich der Insel begonnen. Der rund ein Kilometer lange Abschnitt vom Deichschart für die Inselbahn bis zur Richthofenstraße sollte bis zum Herbst fertigstellt worden sein, hatte Frank Thorenz als Leiter der zuständigen Betriebsstelle Norden-Norderney im Frühjahr zugesagt. Nach aktuellen Angaben des NLWKN hat die bauausführende Firma die vertragsgemäße Bauleistung erbracht. Die erhöhte Deichstrecke endet jedoch gut hundert Meter vor der Richthofenstraße beziehungsweise vor dem Übergang des Dorfgrodendeiches in den Ostgrodendeich. Dieser Widerspruch war nicht aufzuklären.

Der neue Deich biete nun deutlich mehr Sicherheit, da er eine 1,50 Meter mächtige Kleiabdeckung erhalten habe und damit besser den Fluten standhalten könne als der Vorgänger. Die Neubaustrecke hat zudem ein massives Fußdeckwerk aus Wasserbausteinen erhalten. »So ist er gegen den straken Wellenangriff bei Sturmfluten gewappnet«, sagt Frank Thorenz. In den Vorjahren waren bereits der östliche Teil der Deichstrecke sowie das in der Deichlinie liegende Deichschart und das Schöpfwerk neu gebaut worden. Für die Deichverstärkung wurden insgesamt 40 000 Kubikmeter Klei und 6000 Tonnen Schüttsteine auf die Insel gebracht. Das wertvolle Deichbaumaterial ist auf Wangerooge – wie auf allen ostfriesischen Inseln – in dieser Qualität nicht zu finden. Deshalb musste der Klei per Schiff übers Wattenmeer zur Insel gebracht werden. Glücklicherweise fiel der Bau eines Hochwasser-Entlastungs

polders für die Harle bei Wittmund mit dem Deichbau auf der Insel zusammen. So konnte »grenzüberschreitende« Zusammenarbeit beim Kampf gegen den Blanken Hans in die Tat umgesetzt werden. Das Material war in Harlesiel auf Pontons umgeschlagen und bei Hochwasser an die Telegraphenbalje gebracht worden. Dort wurde es entladen und auf einem durch das Watt laufenden, knapp zwei Kilometer langen Sanddamm mit geländegängigen Fahrzeugen zur Einbaustelle transportiert. Diese »Wattstraße« wurde jetzt zurückgebaut, weil winterliche Sturmfluten das Baumaterial unkontrolliert im Nationalpark verteilt hätten. Die Arbeiten am Deich werden in den kommenden zwei Jahren fortgesetzt, teilte der NLWKN mit. Für den Baustart im nächsten Frühjahr liegen schon Schüttsteine und Klei nahe der Baustelle bereit.

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TEXT: THEO KRUSE / FOTO: EVELYN GENUIT

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DER TORTENKÜNSTLER

Er geht stramm auf die Fünfzig zu. Eddy Roberg kennt Wangerooge erst seit eineinhalb Jahren. »Da will ich so schnell nicht wieder weg«, sagt der Westfale, der in Everswinkel geboren ist, wo sein Vater eine Molkerei besaß. Mit seinem alten Job war der Konditormeister nicht so glücklich. »Das war mir zu stressig in Altenberge, das war kein Leben mehr.« Beim Arbeitsamt gab’s einige Stellenangebote. Beim Cafe Pudding hat er sofort angebissen. Roberg lächelt: »Es ging alles ganz schnell. Und im März 2015 habe ich diesen wundervollen Job angetreten. Seitdem geht es mir auch gesundheitlich viel besser, die Seeluft tut mir gut.« Auch Diana Folkerts, Chefin vom Kuchenladen, lobt den großen, stämmigen Mann: »Wir sind sehr froh, dass wir mit Eddy Roberg einen geeigneten Nachfolger für unseren Ex-Konditor gefunden haben.«

2016-12-26_164627Während Bäcker Arnold Boes bereits um halb Zwei aufstehen muss und für Brötchen, Kleingebäck und die leckeren Wattwürmer zuständig ist, geht Eddy erst später »so zwischen vier und fünf« an seine Arbeit. »Da kommen wir uns nicht ins Gehege.« Für Cafe Pudding und Kuchenladen fabriziert er maximal 30 verschiedene Torten pro Tag. Bleibt denn da noch Zeit für ihre Hobbies? Während Arnold Boes ein eingefleischter Fußballfan ist und gerne liest, hat sich Eddy Roberg der Musik verschrieben. »Früher habe ich in namhaften Chören gesungen. « Der richtige Mann für den Wangerooger Gospelchor Vocal Waves? Der sucht nämlich noch einen stimmgewaltigen Tenor … TEXT: MANFRED OSENBERG FOTOS: EVELYN GENUIT Zitronencreme

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DAS GOLD DES MEERES

Die Nordseekrabbe ist ein wunderliches Tier – und zurzeit auch ein besonders teures. Wie kann es sein, dass das Fleisch von winzigen Garnelen teurer ist als Rinderfilet? Einigen Gastwirten auf Wangerooge sind die Krabben zu teuer, haben die »Delikatessen« von der Speisekarte gestrichen, aber im Strandläufer, im Pudding und im Friesenjung zum Beispiel gehören sie zum Angebot wie frischer Fisch.

Sagen wir es ruhig ganz offen: Im Prinzip ist die Krabbe ein armes Schwein. Sie ist nicht hübsch. Sie wird nicht alt. Sie steht in der Nahrungskette ziemlich weit unten. Sie lebt anspruchslos, aber keiner dankt es ihr. Früher nannte man sie Unkraut der Meere. Nicht totzukriegen. Dachte man jedenfalls. Die Krabbe selbst denkt, soweit wir wissen, eher wenig. Ihre Tage und Nächte verbringt sie mit Fressen und Fortpflanzung. Wenn man sie denn lässt. Aber man lässt sie ja nicht. Andauernd will einer was. Entweder der hinterhältige Wittling, ein gefräßiger Dorsch, oder der mitunter ebenso hinterhältige und gefräßige Mensch. Letzterer kündigt sich wenigstens mit einem gewissen Gerumpel an. Kommt mit dem Kutter ins Wattenmeer und zieht seine Netze dicht über den Meeresboden. Himmelherrgott noch mal, denkt die Krabbe (sofern sie denken kann und gläubig ist), kann man nicht mal ein Jahr lang seine Ruhe haben?

Dann hüpft die Krabbe ein Stückchen hoch, was wirklich kein Zeichen großer Schlauheit ist, und wird gefangen. Schon bald geht es ans Sterben. Ist die Krabbe einmal an Bord des Kutters von Uwe Abken, endet ihr viel zu kurzes Leben binnen Sekunden. Ein Bad in kochendem Wasser, Hitzeschock, Exitus, was an der Krabbe je gerade war, krümmt sich nun. Das vormals graue Tier wird rosa, dann geht es mit dem Kutter an Land und wenig später sogar nach Marokko – als Pauschalreise im Kühltransport. Kopf ab, Panzer ab, Darm weg. Und wieder retour nach Hause. Wenn die Krabbe post mortem ein Riesenglück hat, findet sie nah der Heimat ihre letzte Ruhe: in einem himmlisch frischen Brötchen mit lecker Remoulade für sechs Euro.

Die meisten Krabben allerdings verbringen ihre allerletzten Stunden im Zwischenreich von Himmel und Hölle – im Kühlregal des Discounters: Der verlangt für 100 Gramm Krabbenfleisch, konserviert in Benzoesäure, zurzeit 4,79 Euro. Warum ist die Krabbe so unglaublich teuer? Wie kann es sein, dass ihr Fleisch dieser Tage mehr kostet als ein Rinderfilet? In Oldenburg sitzen Fachleute in einem nüchternen Besprechungsraum der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und versuchen, diese ganz besondere Beziehung zwischen Mensch und Krabbe zu erklären. »Bei Krabben irgendwas vorherzusagen ist heikel«, sagt Philipp Oberdörffer, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer. »Sobald man glaubt, irgendwas zu wissen, wird man widerlegt.«

Der Herr neben ihm nickt bedächtig. Kapitän und Verbandsfunktionär Günter Klever sieht aus, wie man sich einen alten Seebären vorstellt: Bart, Bauch, Tätowierung. »Man weiß bei der Krabbe nie, woran man ist«, sagt Klever, »mal ist sie weg, und plötzlich ist sie wieder da.« Uwe Abken erweist dem komplizierten Kleintier seinen Respekt, seit 29 Jahren. Auch an diesem Morgen ist der Krabbenfischer um 3.30 Uhr aufgestanden und gemeinsam mit seinem Helfer Thilo von Esens nach Neuharlingersiel gefahren. Dort liegt sein blauer Kutter, die »Polaris«, mit der er bei Langeoog nach Beute sucht. »Der Jagdinstinkt lässt einen nie mehr los«, sagt Abken. Sieben Mal wird er in den nächsten Stunden die für Krabbenkutter charakteristischen Netze, Baumkurren genannt, ins Wasser lassen, und sie mit drei Knoten über den flachen, sandigen Boden des Wattenmeeres ziehen. Uwe Abken hat erlebt, wie aus der Massenware Nordseegarnele eine Delikatesse wurde. Und ein Millionenmarkt, der heute fest in niederländischer und deutscher Hand ist.

Von den bis zu 35.000 Tonnen, die in Europa pro Jahr mit etwa 500 Schiffen gefangen werden, schaffen die Niederländer etwa 15.000 bis 16.000 Tonnen aus dem Meer. Deutschland folgt mit 11.000 bis 13.000 Tonnen vor Dänemark. Einem Fischer bleiben nach Abzug aller Kosten pro Monat 2.500 bis 3.000 Euro zum Leben. Die Jagd nach den Minigarnelen ist also kein ganz schlechtes Geschäft – jedenfalls wenn es genug von ihnen gibt. Gerade gibt es nur wenige. Falsche Jahreszeit. Die meisten Krabben gehen im Spätherbst ins Netz, aber wie viele es in diesem Spätherbst sein werden, ist noch nicht abzusehen. Und genauso volatil wie die Fangmengen sind die Preise. Uwe Abkens Genossenschaftskollege Dirk Sander erinnert sich: »In den 50er Jahren wurden die Krabben tonnenweise zu Hühnerfutter verarbeitet, weil man die Massen weder lagern noch verarbeiten konnte.« Damals durften die Krabben auch noch von deutschen Heimarbeiterinnen gepult werden. Sie (die Krabben) dufteten nach Meer und Wind und Salz und Wellen, nach harter, ursprünglicher Arbeit, nach der Verheißung einer Mahlzeit mit Schwarzbrot, Rührei und Bratkartoffeln.

Die Frauen nahmen Tier für Tier in die Hand, bogen es gerade, drehten mit einer kurzen Bewegung den Schwanz am dritten Wirbel des Rückenpanzers und trennten den Darm vom Rest. Dann noch eine schnelle Bewegung weiter vorn, Kopf weg, Gekröse weg, und sie hielten ein Stummelchen Fleisch in der Hand. Hellrosa und köstlich. Dann kam Europa, kamen Vorschriften. Frauen, die unreguliert mit Därmen hantierten, waren Hygienefachleuten suspekt. So durfte nur noch in voll gekachelten Räumen gepult werden, in Schutzkleidung und mit viel Wasser drum herum. Das machte die Arbeit unrentabel. Es schlug die Stunde der Niederländer. Zwei Firmen entdeckten eine Marktlücke: Sie fuhren mit Lastwagen die deutsche Nordseeküste ab und boten den Fischern etwas an, das zunächst wunderbar klang: Wir holen eure Krabben ab, wir kümmern uns ums Pulen und auch um die Vermarktung. Ihr bekommt das Geld. Bequem, so ein Rundum-sorglos-Paket. Bedankt! So wurden zwei niederländische Unternehmen zu den großen Playern der Krabbenindustrie: Heiploeg und – keine Witze mit Namen, bitte! – Puul. »Das hat der Holländer schon gut gemacht damals« , sagt Dirk Sander von der Erzeugergemeinschaft. »Wir haben das Geschäft nicht gesehen. Hätten wir sonst selbst gemacht.«

Uwe Abken steuert seinen Kutter behutsam an die Hafenmole von Neuharlingersiel. Zehn Stunden war er draußen. Der Wind hatte zuletzt mit sieben Windstärken geblasen, kein Spaß, nicht mal im relativ flachen Wattenmeer. Mit einem einfachen Kran entlädt Abken den Kühlraum seines Kutters: elf weiße Kunststoffkisten sind bis zum Rand mit frischer Ware gefüllt – 170 Kilo insgesamt. »Für die Jahreszeit nicht schlecht« , sagt Abken. Dann verkauft er direkt vom Kutter ein paar Kilo an Touristen, der Rest wird mit dem Lkw zur Genossenschaft gefahren. Seit die Krabbenfischer sich organisiert haben und den Fang gemeinsam vorsortieren, erzielen sie bei den Niederländern bessere Preise. Früher war es so: Wunderten sich die Ostfriesen über niedrige Preise, sagten die Großhändler: Die in Schleswig-Holstein fangen gerade so viel! Wunderten sich die Nordfriesen, sagten die Großhändler: Die Ostfriesen fangen gerade so viel. Nun haben die Fischer mehr Kontrolle. Nach wenigen Kilometern hat der Lastwagen mit Uwe Abkens Fang die Sortieranlage der Genossenschaft in Neuharlingersiel erreicht. Ein Arbeiter entleert die Kisten in einen großen Trichter. Ein Förderband transportiert die Krabben auf eine Straße aus sich bewegenden Sieben. Krabben für den menschlichen Konsum dürfen nicht kleiner sein als 6,5 Millimeter Panzerbreite. Zu mickrige Tiere fallen in einen großen Bottich und enden als Fischmehl.

Tiere zwischen 6,8 Millimeter und 8,5 Millimeter werden mit einer Salzlösung besprüht und in unterschiedliche Größenklassen eingeteilt. Nur die dicksten landen später ungepult in der Gastronomie. Die allermeisten aber werden jetzt nach Marokko geschickt. Die Logistik funktioniert perfekt: Ein Kühllaster mit ungepulter Ware fährt mehr als 2.500 Kilometer über Holland durch Frankreich und Spanien bis Gibraltar. Dort trifft zeitgleich ein Sattelzug mit gepulter Ware aus Marokko ein. Die Fahrer tauschen die Aufleger und fahren in ihre Heimatländer zurück. So hat fast jede in Deutschland gefangene Krabbe eine Autobahnfahrt von mehr als 5.000 Kilometern hinter sich, bevor sie in den Handel kommt. Dort aber bezahlen Verbraucher trotz günstiger marokkanischer Arbeitskräfte zurzeit besagte Höchstpreise. Das liegt nicht nur daran, dass es im Sommer stets weniger Krabben gibt als später im Jahr. Es ist eine längere Geschichte, deren Anfänge zurückreichen bis in den Herbst 2014. Damals hatten die Krabbenfischer eine exorbitant gute Zeit, allein die Niederländer fingen fast 20.000 Tonnen. Die Lagerbestände waren riesig, der Handel senkte die Preise und kurbelte die Nachfrage an. Wenig später sagte sich die launische Krabbe: Ich ziehe mich mal zurück. Das Frühjahr 2015: schlecht. Der Herbst 2015: mäßig. Das Frühjahr 2016: mau. Die einmal angekurbelte Nachfrage blieb hoch, das Angebot konnte nicht mithalten. Der Preis schoss in die Höhe. In den vergangenen Wochen bekamen die Fischer pro Kilo Krabben bis zu zwölf Euro vom Großhändler – ein historischer Höchststand. Um ein Kilo reines Fleisch zu erzeugen, braucht man aber drei Kilo Krabben. Macht 36 Euro pro Kilo Fleisch. Die ersten Verarbeitungsschritte, wiegen, sieben und konservieren, kosten einen Euro pro Kilo, das Schälen und der Transport weitere sechs bis acht Euro.

kartoffeln-krabben»Eigentlich müsste das Kilo Krabbenfleisch im Handel rund 60 Euro kosten«, rechnet Experte Philipp Oberdörffer vor. Zu teuer für die großen Discounter. Sie subventionieren die Krabben, um die Kunden nicht zu vergraulen. Den Verlust dürften sich die großen Ketten dann im Herbst wieder zurückholen, wenn die Einkaufspreise niedriger sind. Ehe das Mitleid zu groß wird: Ein Teil der Misere ist hausgemacht. Die Krabbe gehört zu den wenigen Meerestieren, die unbegrenzt gefangen werden dürfen. Und in den vergangenen Jahren sind die Krabbenfischer etwas zu sorglos mit den Beständen umgegangen. Wissenschaftler sehen eindeutige Anzeichen für eine Wachstumsüberfischung. Das heißt: Zu viele Garnelen werden gefangen, bevor sie eine optimale Größe erreicht haben. Die Maße der gefischten Krabben sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich kleiner geworden. Inzwischen haben die Fischer begonnen, die Maschenweiten ihrer Netze zu vergrößern, damit mehr Jungtiere entkommen können. Früher betrug die Maschenweite 20 Millimeter, jetzt sind es 22. »Optimal wären 26 Millimeter, aber bis dahin ist es noch ein langer Weg«, sagt Wissenschaftler Gerd Kraus vom Hamburger Thünen-Institut für Seefischerei. Immerhin, auch auf Druck der großen Handelsketten wollen sich europaweit gerade 400 Kutter für das Fischsiegel MSC zertifizieren lassen. Wie nachhaltig die Krabbenfängerei derzeit ist, wird noch geprüft. Uwe Abken jedenfalls wird bald wieder in aller Herrgottsfrühe den Dieselmotor seiner »Polaris« anwerfen und raus aufs Wattenmeer fahren. In sechs Jahren ist er 60, einen Nachfolger hat er noch nicht. Eilt auch nicht. »Ich lebe als Krabbenfischer nach Lust und Laune. Das macht den Beruf ja so schön.« Sieht die Nordseegarnele vermutlich anders. Falls sie überhaupt etwas sieht. TEXT: TOBIAS SCHMITZ Dieser Artikel erschien zuerst am 4. August 2016 in der Ausgabe 32/2016 im Magazin »stern«, Verlag Gruner + Jahr gmbH »

Kartoffel mit Krabben im Friesenjung. FOTO: MANFRED OSENBERG

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GUTE VERBINDUNG

Wunderschönes Wangerooge. An diesem heißen Sommertag steht die Luft schwül und drückend im windgeschützten Heidegebiet westlich des Inseldorfes. Die blühende Besenheide taucht die Dünen in zartes Purpur, Insekten summen, an den Kleingewässern hört man immer wieder ein leises Plantschen, wenn die Schwalben auf Beutezug kurz ins Wasser eintauchen. Nur wenige Wanderer sind unterwegs. Doch unvermittelt stößt man auf kleine Gruppen junger Menschen, die schwer arbeiten und schwitzen, aber offenbar Spaß dabei haben, viel lachen und sich in verschiedensten Sprachen unterhalten. Mit Spaten, Hacken und Astscheren rücken sie gezielt der Kartoffelrose und der Spätblühenden Traubenkirsche zu Leibe. Diese beiden Gehölzarten kommen von Natur aus auf der Insel nicht vor, wurden vor vielen Jahren vom Menschen eingeschleppt und haben beide die Eigenschaft, sich invasiv auszubreiten und alles zu überwuchern.

Nicht nur die Heide, auch andere kleine, lichtliebende, gefährdete und deshalb geschützte Pflanzenarten haben so keine Chance mehr. Da hilft nur eines: den so genannten Neophyten entschlossen entgegentreten. Anfangs standen einige Insulaner den Maßnahmen skeptisch gegenüber. Sie hatten sich über die Jahre an die Kartoffelrose gewöhnt und die schleichende Bedrohung der geliebten Heide war vielen nicht bewusst. Zum Auftakt der langjährig angelegten Renaturierungsmaßnahme, im Winter 2010, ließ die Nationalparkverwaltung dann auch noch Bagger anrollen, um erst einmal großräumig Luft zu schaffen und die Rohbodenverhältnisse wieder herzustellen, die die Pionierpflanzen der Heidegesellschaft zwingend benötigen. Bagger im Schutzgebiet – das konnten viele nicht nachvollziehen. Doch dieser einmalige »brachiale« Eingriff war nur die notwendige Initialzündung für die weitere Pflege und Entwicklung. Schon nach wenigen Monaten war zu erkennen, wie die Heidepflanzen das Areal dankbar annahmen. Im Sommer 2010 kam die erste Gruppe von Freiwilligen der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd) nach Wangerooge, um in behutsamer Handarbeit den Neuaufwuchs von Kartoffelrose und Traubenkirsche zu entfernen.

Seitdem – nun zum 7. Mal in Folge – gehört die engagierte multikulturelle Einsatztruppe zum hochsommerlichen Bild im Heidegebiet und die fleißigen jungen Leute sind gern gesehene aktive Gäste. Die Inselgärtnerei unter Leitung von Rolf Kretzberg unterstützt die Gruppe bei Abtransport und Entsorgung des Strauchguts. Bürgermeister Dirk Lindner hat die frisch eingetroffene Gruppe persönlich begrüßt. Die »Küstenheide«-Camps werden in bewährter Kooperation zwischen Nationalparkverwaltung, ijgd und dem Mellumrat organisiert. Norbert Hecker, Botaniker bei der Schutzgebietsverwaltung, ist für das fachliche Konzept zuständig, kümmert sich aber auch um Unterkunft, Werkzeuge und anderes, was die Freiwilligen benötigen. Mathias Heckroth und weitere Mitarbeiter des Mellumrates sind als orts- und sachkundige Betreuer beim Einsatz mit der Gruppe im Gelände. Hilke Steevens, Projektreferentin für Internationale Workcamps beim ijgd- Landesverein Niedersachsen e. V. (Hildesheim), kümmert sich um »Rekrutierung« der Freiwilligen und Finanzen.

»Unser besonderer Dank geht an die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung und die Naturschutzstiftung Friesland-Wittmund- Wilhelmshaven, die auch in diesem Jahr dieses erfolgreiche Projekt gefördert haben«, sind Norbert Hecker und Hilke Steevens sich einig. »Ohne diese großzügige finanzielle Unterstützung könnten wir das Camp nicht realisieren«. Die Work-Camps werden von den ijgd international ausgeschrieben – das Wangerooger Camp ist immer schnell ausgebucht. In diesem Jahr sind es 16 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 22 Jahren, zwei davon als Teamleiterinnen. Die weiteste Anreise haben Yu-Hsuan (Taiwan) und Jinhee (Südkorea) auf sich genommen. Camila und Alejandra kommen aus Argentinien bzw. Peru; sie verbringen beide ein Austauschjahr in Deutschland.

2016-12-26_163212Anna und Anastasija sind extra aus Russland angereist, Verner aus Estland, Nuria und Dario aus Spanien, Paulo und George aus Italien, Florian aus Österreich. Aus Deutschland kommen die beiden Freundinnen Alexa und Johanna sowie Teamleiterin Rebecca, die sich die Verantwortung mit Malene aus Dänemark teilt. Die Motive für die Entscheidung, in den Ferien zu »schuften« statt zu faulenzen, sind vielfältig. Keiner der diesjährigen Teilnehmer, sie sind alle Schüler oder Studierende, plant einen beruflichen Werdegang im Naturschutz, aber alle verbindet der Wunsch, aktiv etwas für den Erhalt der Natur zu tun. Weitere Beweggründe sind, Gleichaltrige aus anderen Ländern und deren Kultur kennenzulernen oder eigene Sprachkenntnisse – Deutsch oder Englisch – zu verbessern.

Eine Teilnehmerin wurde durch ihre Mutter motiviert, die selbst früher bei ijgd-Camps dabei war. »Zurück in den Heimatländern, sind diese jungen Freiwilligen internationale Botschafter für das Weltnaturerbe Wattenmeer «, ist Imke Zwoch überzeugt, die das Freiwilligenprogramm im Nationalpark koordiniert. Ein gern gesehener Nebeneffekt der Gruppeneinsätze. Doch die Hauptsache ist: Über die Jahre lässt sich eine erfreuliche Entwicklung der Heidepflanzen und anderer botanischer Kostbarkeiten feststellen, die vom Druck der invasiven Gehölze befreit wurden. Diese muss man langfristig weiterhin im Auge behalten, sie werden immer wieder versuchen, sich durchzusetzen. Aktuell waren Norbert Hecker und seine Mitstreiter positiv überrascht, dass auf einzelnen Teilflächen des Projektgebietes kein einziger Trieb der Neophyten zu finden war: »Die Freiwilligen haben in den letzten Jahren fantastische Arbeit geleistet.«

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WATT IS DATT IM WATT?

Deichbau auf Wangerooge ist besonders aufwändig und teuer. Aber die Sicherheit hat erste Priorität.
Auf allen Wangerooger Baustellen herrscht in der Hauptsaison Betriebsruhe, damit sich die Urlauber nicht durch Baulärm gestört fühlen. Auf allen Baustellen? Nein – am Dorfgrodendeich wird gerade während des Sommers rund um die Uhr gearbeitet. Und das aus gutem Grund: Wenn die Herbst- und Wintersturmfluten das Eiland bedrohen, darf nicht mehr gearbeitet werden. Deshalb wird diese Ausnahme erlaubt, ist sogar dringend geboten. Ziel ist es, die Baustelle rechtzeitig zur unwirtlichen Jahreszeit winterfest zu bekommen. Für einige Wohnungsinhaber der Ferienwohnanlage »Lagune am Wattenmeer« bedeutet der Deichbau ein Ende des gewohnten freien Blickes aufs Wattenmeer und zum Anleger: In den Erdgeschosswohnungen ist es kaum möglich, über den erhöhten Deich zu schauen. »Aber Küstenschutz hat nun einmal oberste Priorität«, sagt ein Zweitwohnungsinhaber. Das sehen zum Glück auch die meisten Gäste so. Und wer den unverbauten Blick genießen will, mietet eine der oberen Wohnungen oder setzt sich ganz einfach auf dem Deich. Dramatische Rückgänge bei den Vermietungen wurden jedenfalls bisher nicht bekannt.

Der Transport des für die Deicherhöhung benötigtem Kleis ist eine besondere, logistische Herausforderung. Davon können sich Beobachter überzeugen, wenn sie die Bauarbeiten einmal einige Tage aufmerksam verfolgen. Bei Hochwasser steuert das niederländische Spezialschiff »Diablo« mit einer Ladung von rund 300 Kubikmetern Klei vom Hafen Harlesiel aus den nördlichen Rand des Wattfahrwassers Telegraphenbalje südlich von Wangerooge an. Dort lässt es sich bei Ebbe trockenfallen. Über eine mit gelben Stangen gekennzeichnete »Straße« fahren dann während des Niedrigwassers die Kleitransporter, geländegängige Lastwagen, auf die das Deichbaumaterial umgeschlagen werden muss und transportierten es zur Baustelle auf der Insel. Mit Baggern wird der fette Klei verteilt, mit Hilfe schwerer Raupenfahrzeuge planiert und dabei verdichtet. Der neue Deich – der einen Sandkern aufweist – erhält eine Kleiabdeckung von 1,50 Meter Stärke auf der Seeseite und einem Meter auf der Binnenseite. Der alte Deich wies eine viel zu dünne Kleischicht auf und war außerdem zu niedrig, erläuterte Frank Thorenz, Leiter der Betriebsstelle Norden des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN).

Für Projektleiter Theo van Hoorn ist denn auch der Kleitransport eine große logistische Herausforderung. Alle Transportwege
müssen genau abgestimmt sein. Der Klei wird aus Wittmund nach Harlesiel gefahren. In Wittmund wird derzeit ein  Entlastungspolder gebaut, bei dessen Bau dieses Erdreich anfällt. Auf diesem Wege kommt der NLWKN als Auftraggeber relativ kostengünstig an das wertvolle Deichbaumaterial. 40.000 Kubikmeter werden für die rund 1,3 Kilometer lange Baustrecke vom Inselbahn-Deichschart bis zum Ende des Dorfgrodendeiches Höhe Richthofenstraße (Reithalle) benötigt.
Das sind mehr als 130 Schiffsladungen! Wenn man bedenkt, dass Wind und Wetter den Transportplan durcheinander wirbeln, wird deutlich, wie ehrgeizig der Zeitplan der Deichbauer ist. Mehrmals erschwerten erhöhte Wasserstände oder leichte Windfluten die Arbeiten. Überhaupt bestimmt der Tidekalender/ die Arbeitszeiten der Deicharbeiter, denn frischer Klei kommt jeden Tag zu einer anderen Tageszeit: Im Takt von Ebbe und Flut.

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TEXT: THEO KRUSE / FOTO: EVELYN GENUIT

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NEUER FAHRER FÜR PETRUS

Wenn der Heuler heult, weil er seine Familie verloren hat, helfen Gäste und Insulaner. Jeder kennt auf Wangerooge Friedrich Petrus, der seit mehr als 30 Jahren dafür sorgt, dass diese armen Geschöpfe ins Leben und zurück zur Natur geführt werden können.
Nachdem das Seehundrettungsteam,alarmiert durch aufmerksame Spaziergänger, das kleine vereinsamte, orientierungslose
Raubtier geborgen und in eine spezielle Transportkiste verstaut hat, bringt es der Flieger der FLN ans Festland. Dort wird es von Mitarbeitern der Aufzuchtstation in Norden abgeholt und in Sicherheit gebracht. Seit diesem Sommer wird das Team um
Friedrich Petrus unterstützt von Helge Biethahn, der als Fahrer des Rettungsfahrzeugs und als Bergungshilfe seinen Anteil hat. Wie dieser berichtet, ist es manchmal gar nicht so einfach, wenn mitten in der Badezeit das Fahrzeug durch spielende
Kinder und badende Gäste zum Fundort gelangen muss. Das größte Problem ist dabei, dass sich das Fahrzeug leicht in dem tiefen Sand festfahren kann.

So kommt es leider vor, dass nicht alle Verständnis für die Sorge um den zu rettenden Heuler zu Lasten »ihres« Spielraums am Strand haben. Allerdings sind das Einzelfälle, meist kommt Unterstützung von den Gästen. Die letzte Rettung am  Hauptstrand war Anfang September nur dadurch möglich, dass Mitarbeiter der DLRG und Gäste die Durchfahrt des Mobils und die Bergung des jungen Heulers unterstützten. Der Dank gilt all denen, die tatkräftig mit dazu beitragen, dass die vereinsamten Heuler nicht »verenden« müssen. Wer die ehrenamtliche Arbeit der Auffangstation und ihrer Helfer begleiten möchte, kann dies als Spende auf das Konto unterstützen:

Seehundstation Nationalpark-Haus
IBAN: DE62 2836 1592 0007 7771 11
BIC: GENODEF1MAR
http://www.seehundstation-norddeich.de
FOTOS: RENATE ZERHUSEN

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