Monthly Archives Juli 2015

VOR WANGEROOGE IN SEENOT

Strahlender Sonnenschein, nicht zu viel Wind, ein ganz normaler Tag in der Nordsee vor Wangerooge.
Doch die Strömung in dem Seegatt ist heimtückisch. »Eine der gefährlichsten Stellen, die die deutsche Nordsee zu bieten hat«, sagt Dirk Scholz. An jenem 12. September 2014 kentert er unversehens mit seiner
fünf Meter langen Jolle. Eine gefährliche Grundsee hat sich aus dem Nichts aufgebaut, mehrere Brecher sind ins Boot gestiegen.

DGzRS

Zunächst denkt Scholz, er könne mitsamt seinem Seesack an Land schwimmen, doch dann zieht ihn die Strömung hinaus. Per Handy verständigt er seine Freundin, die einen Notruf absetzt. Eine Stunde dauert es
bis zur Rettung, so lange treibt er im 15 Grad kalten Wasser. »Zwischenzeitlich habe ich mich ziemlich ernsthaft mit der Aussicht beschäftigt, dass es das gewesen ist«, sagt der 50-Jährige heute.
Der Sachse, der auf Wangerooge ein Jugendgästehaus betreibt, ist einer von 55 Menschen, die die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) 2014 aus akuter Seenot in Nord- und Ostsee gerettet hat. Seit 150 Jahren sind die Seenotretter im Einsatz. Das Jubiläum wurde mit einem umfangreichen Programm gefeiert – vom Festakt im Rathaus über eine Schiffstaufe auf dem Marktplatz in Bremen bis hin zur
Schiffsparade in Bremerhaven. 

Seenotretter waren schon für viele Seefahrer und Freizeitskipper die letzte Hoffnung. »Man ist auf See schnell auf sich allein gestellt«, sagt der ehrenamtliche DGzRSVorsitzende Gerhard Harder. Wie dringend
sie auch heute gebraucht werden, zeigt der Fall der »Purple Beach«. Der Düngemittelfrachter geriet (die MOIN berichtete) in der  Nordsee westlich von Helgoland in Not, weil sich Hitze und Rauch in seinem  Frachtraum gebildet hatten. An den Rettungsarbeiten, die vom Havariekommando in Cuxhaven geleitet
wurden, war auch der Seenotrettungskreuzer »Hermann Marwede« beteiligt. »Obwohl die Seeschifffahrt immer sicherer wird, liegen die Einsatzzahlen in den letzten zehn Jahren auf hohem Niveau«, sagt
Harder. Denn der Seeverkehr, aber auch der Segel- und Motorsport nimmt zu.

180 Festangestellte beschäftigt die Gesellschaft, mehr als 800 Freiwillige unterstützen sie. Einer von ihnen ist Roger Riehl. Seit 1973 arbeitet der Wangerooger in seiner Freizeit bei der DGzRS. Sein Geld hat er als Betriebsleiter eines Freizeitbads verdient, inzwischen ist der 65-Jährige in Rente. Seit 30 Jahren fährt er als Vormann auf dem Seenotrettungsboot »Wilma Sikorski«. Riehl war auch bei der Rettung von Dirk Scholz im vergangenen September dabei. »Wir haben nicht damit gerechnet, ihn zu finden«, erinnerte sich. Ein Hubschrauber hatte bereits abgedreht, weil der Pilot nichts im Wasser entdeckt hatte.

Als der Hubschrauber wegflog, »war das der Tiefpunkt«, sagt Scholz, der mit seiner Jolle schon über 100-mal zwischen Festland und Insel gesegelt war. Das Sichtfeld war wegen der hohen See sehr begrenzt. »Als ich
dann das Seenotrettungsboot sah, dachte ich, nun muss ich nicht mehr sterben.« Riehl und seine Crew dachten zunächst, da schwimme ein Kanister im Wasser. Beim Näherkommen stellte sich heraus, dass es der Seesack war, an dem sich Scholz festklammerte. Jolle segelt der erfahrene Freizeitskipper Scholz seit dem Unglück nicht mehr. »Das musste ich meiner Freundin versprechen.« Dafür kaufte er sich einen Fischkutter: »Der ist stabiler.«

DIE DEUTSCHE GESELLSCHAFT ZUR RETTUNG
SCHIFFBRÜCHIGER (DGZRS) IN KÜRZE
• 54 Stationen an Nord- und Ostsee zwischen Borkum im Westen und
Usedom im Osten
• 60 Seenotkreuzer und Seenotrettungsboote
• 1.000 Seenotretter, davon über 800 Freiwillige
• einsatzbereit bei jedem Wetter, rund um die Uhr
• mehr als 2.000 Einsätze pro Jahr
• koordiniert durch die SEENOTLEITUNG BREMEN der DGzRS
• seit 1865 rund 82.000 Gerettete
• finanziert ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen, ohne Steuergelder
• Spendenkonto: Sparkasse Bremen (BLZ 290 501 01), Konto 107 2016,
IBAN: DE36 2905 0101 0001 0720 16, BIC: SBREDE22
• mehr Informationen: http://www.seenotretter.de,
E-Mail: info@seenotretter.de
TEXT: JANET B INDER/DPA

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STRANDGUT UND MÜLL

Keine Frage: Angespülter Müll am Strand verschandelt nicht nur das Landschaftsbild, sondern ist auch eine ernsthafte Gefahr für
die Tiere im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Die MOIN hatte sich in der April- Ausgabe dieser betrüblichen Tatsache in einem längeren Artikel »angenähert«.

j etzt folgten Taten. Auf Wangerooge stehen deshalb Strand-Müll-Boxen zur Sammlung dieser unerwünschten Strandfunde bereit. Denn: Wer auf Wangerooge am Strand spazieren geht, kennt das Problem herumliegenden Mülls. Was für uns nicht schön anzuschauen ist, kann Vögeln, Robben und Fischen leicht zum Verhängnis werden, wenn sie die Fremdkörper verschlucken oder sich in Müllteilen verfangen. Die Aktion STRAND-MÜLL-BOX greift deshalb das freiwillige Engagement von Strandspaziergänger/innen auf und bietet auf Wangerooge jetzt eine Möglichkeit zur einfachen Entsorgung des Strandmülls.

Auf gemeinsame Initiative von Nationalparkverwaltung, Naturschutz- und Forschungsgemeinschaft Mellumrat e.V. und Strandgut-2Nationalpark-Haus Wangerooge wurden Müll-Boxen an den Strandaufgängen an drei Standorten aufgestellt: Am nordwestli-chen Strand bei der Saline, am nordöstlichen Strand bei der National-park-Station Ost sowie im Westen am Deckwerk beim Westturm. Eine weitere Strand-Müll-Box folgt an einem vierten, noch zu bestimmen-den Standort.

Ausschlaggebend für den Erfolg der Aktion ist die Unterstützung durch die Gemeinde Wangerooge und den Landkreis Friesland: Die Gemeinde sorgt für den Austausch gefüllter Strand-Müll-Boxen, der Landkreis als untere Abfallbehörde gewährleistet die Entsorgung des Mülls. Was freiwillige Müll-Sammler beachten sollten: Die Boxen sind nur für den Müll gedacht, der aus dem Meer kommt. Eigene Abfälle sollten zu Hause entsorgt werden. Holz und andere organische Stoffe gehörennicht in die Box und können am Strand liegen bleiben.

Der Mellumrat betrachtet das Thema Strandmüll als eine seiner Kernaufgaben. Die systematischen Strandmüll-Kontrollen
auf den Inseln Mellum (seit 1991) und Minsener Oog (seit 1995) sind die längsten Zeitreihen ihrer Art im Bereich des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. Dabei wurden insgesamt rund 80 000 Müllteile erfasst.

Die Naturschutz- und Forschungsgemeinschaft Mellumrat mit Sitz in Varel- Dangast (Kreis Friesland) begeht in diesemStrandgut-1

Jahr ihr 90-jähriges Bestehen und ist damit einer der ältesten Natur-schutzvereine im Oldenburger Land. In den ersten Jahrzehnten war der Mellumrat ein Knotenpunkt von Naturschutzaktivitäten im Oldenburger Land, heute bestimmen staatliche Naturschutzbehörden das Geschehen der Schutzgebiete.

Die Bedeutung des ehrenamtlichen Naturschutzes ist geblieben. Der Verein mit seinen mehr als 360 privaten und 23 juristischen Mitgliedern (Landkreise, Gemeinden, wissenschaftliche Institute und Natur-schutzverbände) versteht sich als verlässlicher Partner von Natur-schutzbehörden. Auf der Insel Wangerooge, die bekanntlich als einzige der bewohnten ostfriesischen Inseln nicht zum historischen Territorium Ostfriesland gehört, sondern historisch Teil des friesischen Jeverlandes ist, arbeitet der Mellumrat seit 1935. Der Verein unterhält auf der Insel zwei Nationalparkstationen als Wohn- und Arbeitsplatz für seine Naturschutzwarte sowie für Gastforscher. Übrigens: Auf Wangerooge sind das ganze Jahr über Naturschutzwarte tätig. Als Besucher- Information und Bildungseinrichtung dient das Nationalpark-Haus Wangerooge, in dem der Mellumrat Mitglied der Trägergemeinschaft ist. Das Nationalpark-Haus wird von jährlich mehr als 30 000 Besuchern aufgesucht, und es werden über 1300 Veranstaltungen pro Jahr angeboten.

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DER FAST VERGESSENE FEUERSCHIFFSMATROSE

Matrose Friedrich Maaß hat seine Erlebnisse auf dem Feuerschiff Minsener-Sand für die Nachwelt festgehalten.Maaß war später von 1910 bis 1924 Leuchtturmwärter auf Wangerooge und von 1924 bis zu seiner Pensionierung 1927 auf dem Leuchtturm Voßlap im Jadebusen.

Es war im Jahr 1888, ich war 26 Jahre alt und ging als Matrose an Bord eines Feuerschiffes. Der Feuerschiffsmatrose hat abwechselnd vier Wochen Seedienst und zwei Wochen Landurlaub. So war es im Sommer, vom 15. März bis zum 15. Oktober. Darauf folgte der lange Winter, der fünf Monate dauerte. Wenn man fünf Monate immer auf einer Stelle liegt, so ist es doch etwas ganz anderes als wenn man auf einem Segelschiff fährt.
Bei normalem Wetter hat ein Mann Deckwache, Tag wie Nacht mit zweistündiger Ablösung. Bei Sturm gehen zwei Mann
Wache. Bei sehr schwerem Wetter, wenn Ankerkettenbruch zu befürchten ist, geht die halbe Mannschaft die sogenannte Seewache. Im Sommer gingen uns die vier Wochen auf See immer schneller herum. Die Vorfreude auf den zweiwöchigen Landurlaub kürzte die Zeit. Aber im Winter wurden die fünf mal vier Wochen sehr lang. Wenn es dann auf Weihnachten ging, stellte sich bei vielen das Heimweh nach Frau und Kindern ein. Es gab ja keinen Landurlaub während des Winters. Höchstens im Traum. Manche hofften, dass es Wirklichkeit würde und meldeten sich krank. Jeder Feuerschiffsgast wusste, Feuerschiff-Minsener-Sanddass es in Krankheitsfällen Urlaub  gab. Darauf bauten die Heimwehkranken. Sie bekamen einfach (auf welche Weise soll
hier nicht erörtert werden) allerlei mögliche und unmögliche Krankheiten. Immer glückte es freilich nicht auf solche Weise. Davon folgendes Stück. In den achtziger Jahren waren einige der Besatzung erkrankt, teils wirklich, nämlich an Grippe, teils auf eben der geschilderten Art. Das wurde dann gemeldet. Musste alles mit Flaggensignalen gemacht werden und war deshalb eine ziemlich umständliche Sache. Es musste dazu sichtiges Wetter abgepasst werden. Unser damaliger Kommandeur, der alte Herr von Krohn, schickte dann auch einen Dampfer von Wilhelmshaven mit einem jungen Marineassistenzarzt und Ersatzleuten an Bord. Der Arzt musste wohl vom alten Herrn die nötigen Instruktionen mitbekommen haben, jedenfalls ging die nun folgende Untersuchung wirklich gründlich vor sich. Jeder musste einzeln in die Kajüte kommen. Dort wurden sie genau unter die Lupe genommen. Man wurde beklopft, behört und befragt. Natürlich stöhnten diejenigen am meisten die das größte Heimweh hatten. Das Resultat war: 1. ein alter Kamerad, der schon in den fünfzigern war, sollte an Land. Er wollte aber nicht, weil er an der Ostsee zu Hause war. Und die Reise dahin war ihm zu teuer und zu weit. 2. Ich sollte, weil ich etwas
Fieber hatte, auch an Land. Ich wollte ebenfalls nicht, da ich noch Junggeselle war und auf dem Land doch nichts rechtschaffendes anzufangen wusste. Zu Mutter war’s zu weit. 3. Der Steuermann wollte so gerne an Land und hatte deswegen so viel »Reissen«. »Oh! Kaum auszuhalten!« Leider konnte der Arzt nichts feststellen, also wurde nichts aus dem Weihnachtsurlaub.
Dann kamen noch verschiedene andere, die auch gerne an Land wollten, mit ihren Gebrechen und Stöhnen. Aber nichts zu machen. Die »Reise« dauerte eben noch länger. Endlich nahm der Winter ein Ende, und die Ablösung kam. Da war die Freude doppelt gross.

SCHWERER EISGANG
In strengen Wintern kamen die Feuerschiffe zuweilen wegen starken Eisganges in den Hafen oder sie mussten seewärts segeln und draußen außerhalb der Eisdrift ankern. Vor Weihnachten kam so etwas selten vor. Seit dem Jahre 1886 ist das, soviel ich weiß, nur zweimal vorgekommen. So habe ich in zehn Jahren zweimal das Weihnachtsfest zu Hause feiern können. Sechs Jahre war ich schon verheiratet, als ich das erste Fest im Kreise meiner Familie verbringen konnte. Ich glaube fast, dass ich nie in meinem Leben eine größere Freude erlebt habe. Nun noch etwas über die Ablösung in damaliger Zeit. Die zweiwöchentlichen Ablösungstermine waren für den ganzen Sommer festgesetzt worden. Die »schneidige« Schillig wurde dazu eingesetzt. Ein Segler, von weiten sah er stolz und schmuck aus, Flagge im Topp, Segellage wie ein Kutter, als wenn er wenigstens acht Knoten machen könnte. War die Gelegenheit günstig, stand es mit Strom und Wind gut, so kamen wir  noch am Ablösungstag an Land. Es geschah aber öfters, dass die Schillig in einer Tide nur bis zum Feuerschiff rauskam. Ja in solchen Fällen war »Holland in Not«. Dann mussten die Matrosen vom anderen Feuerschiff, die natürlich auch abgelöst
werden sollten, mit ihrer Jolle zu unserem Feuerschiff rudern, oder wenn es ging, segeln. Die Ablösungen, die die Schillig
mit herausgebracht hatte, fuhren dann mit der Jolle zurück zum anderen Feuerschiff. Das ging gegen den Strom, dann wurde
»gepullt« dass sich die Riemen wie Flitzebogen spannten. Es wurde trotzdem geschafft. Wenn die Landurlauber alle auf der
Schillig eingeschifft waren, dann wurde laut »Hurra« gerufen. Es ging ja an Land, und da freute sich jeder. Sämtliche Segel wurden gesetzt. Gaffeltoppsegel im Topp. »Na, Bries komm, Bries komm!«. Zuweilen wurde es dann im Gegenteil ganz windstill. Die Segel schlackerten am Mast und unser Schiff trieb nur mit dem Flutstrom langsam weiter.

Unser Führer, meistens der älteste Seelotse, wusste schon was unter Umständen noch helfen könnte. »Leesegel bei!« schallte
seine Stimme über Deck. »Was, hat Schillig denn auch Leesegel? «, fragte mich bei einer Gelegenheit mal ein Neuling. »Jawohl« sagte ich, »wirst gleich sehen«. Die Leesegel wurden hervorgeholt, in Gestalt zweier riesengroßer Riemen. Nun wurde abwechselnd gepullt. An jedem Riemen saßen zwei Mann. Geschwitzt haben wir wie die Eisbären es bei der Linientaufe tun würden, nämlich fürchterlich. Aber den Humor verlor keiner, es ging ja an Land. Kam keine frische Briese auf, so nutzten auch die Leesegel nicht all zu viel; Fahrt konnten wir nicht so recht hineinbringen. Bis Geniusbank, wo damals noch das  gleichnamige Feuerschiff lag, kamen wir vielleicht mit Mühe und Not noch. Dann mussten wir schleunigst den Anker werfen,
damit uns der Ebbstrom nicht wieder zurücktrieb. Es wurde dunkel und wir warteten auf die nächste Flut, die uns dann endgültig nach Wilhelmshaven brachte, oft erst am nächsten Tag. So etwas gibt es heute nicht mehr, da die Ablösung durch Dampfer besorgt wird unddie sind vom Strom und Wind nicht abhängig. Zu meiner Zeit besaß das Lotsenkommando aber nur einen einzigen Dampfer. Das war der alte »Wilhelmshaven«.

JAGD AUF SEEHUNDE

Das Leben an Bord eines Feuerschiffes verlief ziemlich eintönig und gleichförmig. Viel Abwechslung gab es nicht und irgend ein nicht alltägliches Erlebnis musste oft für längere Zeit den Stoff für Unterhaltungen bieten. Besondere Vorkommnisse prägten sich einem fest ein und so steht mir eine kleine Seehundsjagd aus damaliger Zeit noch ganz lebendig vor Augen.
Es war ein selten schöner Sommernachmittag. Wir waren alle an Deck beschäftigt. Da bemerkte einer von uns 70 bis 80 Meter vom Schiff entfernt einen Seehund. Der Alte gleich in seine Kajüte runter und seinen »Püster«, eine gute Kugelbüchse, geholt.
Nun packte alle das Jagdfieber. »Da ist er wieder!« – »Wieder weg!« – »Aber da, nun ist es Zeit!« – »BUMM!« »Den hat’s  erwischt! « Nun fix die Jolle zu Wasser. Wir sprangen wie die Affen. Das war einmal eine Abwechslung, eine kleine Aufregung. In einer Geschwindigkeit von »Nullkommanix« war das Boot zu Wasser, ich als ältester am Ruder. Der Bugmann
mit einer derben Leiste in der Hand am Bug des Bootes. Zwei Mann auf Riemen, wir schossen nur so dahin zur Stelle wo der Seehund verschwunden war. Das Wasser hatte sich dort rot gefärbt. Wir warteten auf das Hochkommen des Seehundes, zu unserer Überraschung kam er dicht beim Boot hoch. Der Bugmann wollte gerade zuschlagen, da war der Hund schon wieder fort getaucht.
Noch drei mal wich er dem tödlichen Schlag durch geschicktes Untertauchen aus, dann wurde er zusehends matter, und der Bugmann konnte ihn schließlich mit einem gezielten Schlag auf die Nase erlösen. »Riemen ein! Und nun rasch zugefasst!«
Im Bug wird er über geholt, ein schwerer Bursche. Die Kugel war durch das Nackenfleisch gegangen und hatte deshalb nicht
gleich tödlich gewirkt; sonst wäre der Hund auch sicher verloren gegangen, denn ein toter Seehund sinkt fast augenblicklich.
Während der aufregenden Hetze waren wir mit dem Ebbstrom ein paar Tonnenlängen seewärts getrieben, deshalb hieß es brav pulen, gegen den Strom. Wir kamen denn auch bald schwitzend und lachend an Bord. »Jolle hoch!« Gleichzeitig wurde damit begonnen, den Seehund abzubalgen. Das Fell hat sich der Alte gerben lassen. Der Speck wurde zu Stiefeltran verbraten, 13 Liter kamen heraus. Es war mittlerweile spät geworden. Der Alte gab Grog aus, indes wurde Robbenabend gefeiert. Das schöne, schiere Seehundfleisch wurde an einem andern Tag zu Beefsteaks verbraten. Schmeckte ganz vorzüglich, uch die gebratene Leber, ich hätte das vorher kaum geglaubt. Na warum sollte das nicht schmecken? Was heißt Seehund?
Auf See ist jedes Frischfleisch jedem Pökelfleisch bei weitem vorzuziehen. Wer jeden Tag Salzfleisch gegessen hat, wird das verstehen. Zwei Tage nach der Jagd bekamen wir Besuch vom Küstenbezirksinspektor und Lotsenkommandeur. Der Koch wartete den beiden Herren mit frischen Beefsteaks auf, nach kurzem Kosten waren beide des Lobes voll und langten ohne Ziererei zu. SOMMERSONNENTAGE Schön, wenn auch zuweilen etwas langweilig waren die Sommersonnentage an Bord. Der eine schrieb Briefe, der andere sonnte sich, der dritte las ein Buch. So verbrachte man den Tag, falls man keinen Wachdienst hatte. An schönen Junisonntagen sind wir mitunter auch mit der Jolle los gerudert oder gesegelt.
Es ging ganz nach Mellum. Die war damals nicht mehr als eine Sandbank und noch nicht unter Vogelschutz. Es wurde von uns nachgesehen, ob die Hühner (Möwen) brav für uns gelegt hatten. Nun ging ein lustiges »Ostereiersuchen« los. An Bord gab es dann an solchen Mellumsonntagen abends Rührei mit Speck. Über Naturschutz und Vogelschutz dachten wir zu damaliger Zeit noch nicht viel nach.

LESERATTEN AN BORD

Im Sommer hielten wir es an Bord sehr gut aus, langweilig kam uns, die wir ja daran gewöhnt waren, das Bordleben kaum  vor. Im Winter war es etwas anderes. Dann suchte man Mittel und Wege um über die wirklich drückende Langeweile hinweg zu kommen. Wer Bücher und Lust zum Lesen hatte, trieb eifrig Lektüre (heutzutage bekommen Feuerschiffe und Leuchttürme regelmäßig eine Bücherkiste mit Bibliotheksbüchern, jedes mal eine neue Auswahlreihe). Einer verstand es meisterhaft, kleine Segelschiffe mit voller Betakelung in durchsichtigen Flaschen unterzubringen. Mit Kitt, Holz und Ölfarbe täuschte er dem Beschauer blaue See und ferne liebliche Palmenküsten vor, selbst eine weiß-schimmernde Hafenstadt mit einem Leuchtturm war dabei. Alles in einer einzigen, glashellen, enghalsigen Flasche. Diese Kleinkunstwerke fanden viel Bewunderung. Der Künstler gab bereitwillig Auskunft über die Zauberei, wie das Schiff mitsamt Masten und Rahen durch den engen Flaschenhals zu bugsieren sei. Mit einem Draht wurde die schwere und kribbelige Arbeit verrichtet. Masten und Rahen waren dabei wunderbar zusammengefaltet; aber wenn das Schiff auf der Kittsee trieb, richteten sie sich durch einen einzigen Fadenzug auf und jeder Nichtkenner konnte sich jetzt den Kopf darüber zerbrechen, wie das Schiff in die Flasche gelangt sei.

FLASCHENSCHIFFE

Viele von uns wurden jetzt auch »Schiffbauer « und eiferten einander im Herstellen solcher Flaschenschiffe nach. Als FlaschenschiffAndenken kamen diese Kunstwerke zu Hause auf die Kommode. Ich be-sitze selbst auch so eins. Steht auf der Borte im Wohnzimmer. Einer der Matrosen verstand sich auf das Flechten von Matten, ein anderer auf das Flechten von warmen Hausschuhen. Wer sich mit dem Schiffszimmer-mann gut verstand und Lust auf Holzarbeiten hatte, machte Schmuck oder Nähkästen für seine Braut oder seine Frau daheim. Laubsäge- und Schnitzarbeit verstanden ein paar andere Matrosen. Für die Kinder zu Haus wurden Puppenstuben mit polierten Möbeln und Pferdeställe mit allem Zubehör hergestellt. Einer lernte
begierig vom anderen, und so war mancher findige Matrose bald Flecht-Polier- und Schnitzkünstler in einer Person. Langeweile gab es unter solchen Bedingungen natürlich nicht mehr, und der Winter schien uns kürzer als er war.
Gern denk ich immer an diese, heute längst nicht mehr so romantische Matrosenzeit auf dem alten Feuerschiff zurück.
Aus dem Tagebuch eines Großvaters, nachgeschrieben von seinem Enkel Werner Maaß. Der 92-Jährige lebt in Uetersen.
Werner Maaß wurde 1923 im Wangerooger Leuchtturm geboren!

Leuchtturmwärter

Leuchtturm-Vosslapp

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DIE FRAU DES ZAHNARZTES

Helene Hamann und ihre Schaffensperioden: Die Ehefrau des neuen Dentisten findet auch auf Wangerooge Ideen für die Malerei.

Hamann
Wenn ich auf mein künstlerisches Leben zurück blicke, dann bin ich nie stehen geblieben. Wenn ich das Gefühl hatte,etwas zu können, dann habe ich etwas Neues gemacht«, das sagt Helene Hamann, Ehefrau von Dr. Jürgen Hamann,dem Zahnarzt auf Wangerooge. Und auch die Insel hat die rastlose Künstlerin schon wieder zu Neuem inspiriert:
»Treibholz ist eine faszinierende Sache. In jedem Stück Holz steckt ein Stück Leben, und in Verbindung mit Ton ergeben sich  wunderbare Möglichkeiten« sagt die Dame, die aber auch über die Fähigkeit verfügt, diese Möglichkeiten zu erkennen.
Den Geruch von Farben und die Arbeit mit ihnen kennt sie buchstäblich von Kindesbeinen an. »Ich komme aus einer alten Auricher Maler- und Anstreicherfamilie«, erzählt sie lebhaft und fröhlich, und wenn man  aus einem florierenden Geschäftshaushalt kommt, dann impliziert das auch einen Sinn für Geld verdienen.

»EIGENTLICH WOLLTE UND SOLLTE ICH NUR ZWEI MONATE AUF WANGEROOGE AUSHELFEN: AUS DEN ZWEI MONATEN SIND JETZT
SCHON FAST ZWEI JAHRE GEWORDEN!«
Dr. Jürgen Hamann

»Lenchen, du kannst so schön malen. Mal doch mal was für mich«, sagten die Tanten zu der kleinen Helene, und die – Hamann-2Farben waren ja genug da – ging ans Werk und bekam fünfzig Pfennige pro Bild. »So habe ich mir mein Taschengeld verdient.« KUNSTLEHRERIN IN GÖTTINGEN Die Schulzeit verging, und das  Lehramtsstudium in Göttingen begann. Hauptfach, natürlich Kunst! »Damals haben wir herum experimentiert, alles Mögliche versucht. Abstraktes und Gegenständliches«, erinnert sich Helene Hamann und vermittelte ihre Fähigkeiten
auch in Kursen der Volkshochschule. Ihr Interesse galt in einer weiteren Schaffens-periode der naiven Malerei. »Aurich ist da eine Hochburg«. Bekanntlich zieht gerade der ausdrucksvolle Himmel über Ostfriesland auch viele auswärtige Künstler in seinen Bann. Aber nicht nur der Himmel, auch markante  Gebäude in der ostfriesischen »Hauptstadt « waren Modelle für Kalender aus Pinsel und Feder der vielseitigen Künstlerin.

Aquarelle und Federzeichnungen standen danach auf der Agenda der Ostfriesin, die es nach dem Verfassen und Gestalten von drei Kinderbüchern bis in das Lektorat des Oldenburger Stalling-Verlages brachte. »Leider ist der pleite gegangen«, bedauerte die umtriebige Malerin, die sich aber davon nicht beeindrucken ließ, sondern weiter machte. Natürlich mit etwas Neuem.

KRAWATTE FÜR DEN BUNDESKANZLER Mit Seidenmalerei. »Ich habe da eine Technik entwickelt, bei der die Farben nicht verlaufen «, verrät Helene Hamann und feierte bei der Illustrierung von Krawatten gleich zwei große Erfolge.
Einer: Altkanzler Gerhard Schröder, bekanntlich einer, der damals in »Peos« Kneipe auf Wangerooge so manches Bier genossen hat, trug eine von Helene Hamann gestaltete Krawatte. Und ein Fotograf auf dem Traumschiff »Arcona« ebenfalls. »Wo hast du die denn her?« wurde er gefragt und gab den Namen der Künstlerin bekannt. »Das war wie ein Lottogewinn für mich, denn mir wurde zunächst angeboten, auf einer Kreuzfahrt in die Karibik drei Wochen Kurse in Seidenmalerei zu geben.« Und das war noch nicht alles: Fahrten nach Südafrika, Island und Spitzbergen schlossen sich an. Seidenmalerei perfekt? Dann muss etwas Neues her. Malerei auf Porzellan war die nächste Stufe. Und auch da wurden keine halben Sachen gemacht. »Ich habe mir für die Teller einen Brennofen angeschafft.« Die Motive waren nun Kräuter und Pflanzen, für Ehemann Jürgen auch mal dessen geliebte Oldtimer oder das berühmte Jever-Pils.
Derzeit ist »Photo-Realismus« in den Blickpunkt der Auricherin gerückt, die vor anderthalb Jahren erstmals nach Wangerooge kam und nun alle zwei Wochen ihren Mann besucht, der als Dr. Jürgen Hamann als Zahnarzt direkt neben dem Alten Leuchtturm tätig ist. »Die Wangerooger haben uns unheimlich herzlich aufgenommen«, lobt die ehemalige Lehrerin, die vor sieben Jahren den letzten Unterricht an der Hauptschule Sandhorst erteilt hat. Dass die östlichste der Ostfriesischen Inseln ihren kreativen Intellekt angeregt hat, steht außer Frage. »Ich bin noch lange nicht fertig.«
FRIEDEMANN BRÄUER

Hamann 3

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LOTHAR, DIE GITARRE UND DAS MEER

Okay, der Papa war auch musikalisch. Aber Lothar Mengedoth lag die Musik zunächst nicht so sehr im Blut. Doch Lothar mit den langen Locken und den roten Wangen war das einzige Kind im Hause Mengedoth, das selbst musizierte und mit 15 Jahren ein Instrument spielte.

d ie Mengedoths. Sie waren sechs Geschwister. Und Jung-Lothar hatte sich verliebt. Verliebt in eine Gitarre. Das Besondere:  Er nahm nie richtigen Unterricht und lernte auch bis heute nie, nach Noten zu spielen. Lothar Mengedoth brachte sich das Spielen allein durch Zuschauen und -hören bei.
In der Schule gründete er dann seine erste Schülerband. »Doch das war eher nur ‚Haudrauf-Musik‘«, erzählt er. Dann, musikalisch gesehen, ein kleiner Tiefpunkt: Rund 18 bis 20 Jahre lang machte Mengedoth gar keine Musik, denn er hatte beruflich bedingt keine Zeit dazu. »Mein Wille, etwas mit Musik zu erreichen, war da sehr erschöpft«, meint er.
Bis er 2004 auf die Insel kam. Auf Wangerooge fand der beruflich als Hausmeister direkt am Meer tätige Lothar Mengedoth die Gelegenheit, sein musikalisches Können zu beweisen. Mit dem Klavier. Mit der Trommel. In erster Linie aber mit seiner Gitarre, versteht sich. Mengedoth steigerte sich im Team. Erst – mit seiner Ehefrau Beate – im Gospelchor »Vocal Waves«, dann auch in der Insel- Combo und als musikalischer Begleiter der Volkstänzerinnen.
»Sie alle geben mir die Möglichkeit, mein Hobby, die Musik, auszuleben«, erklärte der vielseitige Mann, der wenige Tage vor der Gospelchor-Premiere Mitte Juni seinen 57. Geburtstag feierte. Lothar Mengedoth, der Allrounder. Auf Wangerooge ist er bekannt wie ein »bunter Hund«. Den großen Durchbruch aber schaffte Mengedoth mit seiner Gitarre auf Langeoog, beim Insulanertreffen im März 2015.
Der Auftritt des Wangerooger Gospelchores war das absolute Highlight. Für seine Interpretation der »Bohemien Rhapsody« on Queen bekam der Chor Standing Ovations in der Kirche. Mittendrin Lothar Mengedoth mit seinem hervorragenden Gitarrensolo.

Lothar-und-die-Gitarre
TEXT: MANFRED OSENBERG / ANTJE BRÜGGERHOFF
FOTO: EVELYN GENUIT

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Afrika lässt grüßen

Immer wieder ein Genuss, dem bekannten Wangerooger Gospelchor »Vocal Waves« in der Nikolai-Kirche zuzuhören.

Der Beginn einer Inselpremiere, die etwas Afrika-lastig ist, aber beim Publikum bestens ankommt. Auch deshalb, weil Pastor Günther Raschen in der ihm eigenen lockeren Art den Chor mit seiner »Ersatz-Orgel« und der »Djembe-Trommel« begleitet und Stimmung macht.
Afrika auf Wangerooge. Rüdiger Mann, einer der wenigen Männer im Ensemble, bereitet mit erfrischenden Sätzen die Gäste auf die nächsten Songs vor. Uschi Boog erzählt die Geschichte des Bremers Micha Keding, der im vergangenen Oktober auch den stets gut besuchten Workshop auf der Insel geleitet hat. Eine seiner Kompositionen schickte Keding zu seinem im Süden Akrikas lebenden Onkel mit der Bitte, einen zur Melodie passenden Text zu verfassen.
Der Onkel reagierte prompt. Es entstand der wunderbare Song »Woza Nkosi«, den »Vocal Waves« beim ersten Kirchenkonzert zum Besten gaben. Viel Applaus gab es aber auch für »Erile«. Eigentlich ein Song für Sieger.
Ein afrikanisches Lied für Frieden und Freiheit. Wenn die Urlauber demnächst einen Wangerooger auf der Insel begegnen, der einen anderen mit »Erile« begrüßt, dann können sie sicher sei, dass es Sängerinnen oder Sänger aus dem Gospelchor sind …
FOTOS: EVELYN GENUIT / T EXT: MANFRED OSENBERG

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