Kategorie Ökologie

KABELJAU UND KLIMAWANDEL

Die Temperaturen steigen, die Gewässer werden wärmer. Das klingt im Hinblick auf den Badeurlaub vielleicht verführerisch, hat aber auch andere weitreichende Konsequenzen. Auch für den Kabeljau. Der Kabeljau: Ein kommerziell wertvoller Fisch, nicht nur an der Nordsee. Doch dem beliebten Speisefisch wird es langsam etwas zu warm in unseren Gewässern. Immerhin ist es die südliche Grenze seines Verbreitungsgebietes … Und die Temperaturen steigen. Sein
Glück: Nach Norden hin wird es ebenfalls wärmer und so wird sein potentieller Lebensraum größer. In der Nordsee
entdeckt man hingegen zunehmend Sardellen oder auch Sardinen, die sich dort nun augenscheinlich deutlich wohler fühlen. Ein weiterer Neuansiedler: Die Pazifische Auster. Im Grunde beherrscht diese, unter Feinschmeckern sehr begehrte
Muschelart, das gesamte Wattenmeer. Sie benötigt Wassertemperaturen von mindestens 18 Grad Celsius. Und das über
mehrere Wochen hinweg. In den letzten Jahren war das kein Problem für das Wattenmeer. Der Klimawandel sorgt also dafür, dass wir in unserer See immer mehr dieser für uns noch ungewohnten Meeresbewohner sichten: Die milden Temperaturen verdrängen aber gleichzeitig solche, die wir als Speisefisch kennen und lieben lernten. Die Nordsee ohne den Kabeljau: kaum vorstellbar. Vielleicht ist die »Flucht« in den Norden aber auch seine letzte Rettung, schließlich ist der Kabeljau inzwischen stark durch Überfischung Kabeljaugefährdet!
MARC OSENBERG

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ROBBEN IM MÜLLSACK

Was haben ein niederländischer Fußballprofi und ein um Wangerooge beheimatetes Tier gemeinsam? Nun, abgesehen vom Namen verbindet sie auf den ersten Blick nicht sehr viel. Jedoch sorgte Arjen Robben im vergangenen Monat mit seinen Teamkollegen dafür, dass eine altbekannte Bedrohung für die Seerobben abermals zum Gesprächsthema wurde.

Plastikmüll in den Weltmeeren wird vielen Meeresbewohnern immer wieder zum Verhängnis. Auch vor Wangerooge haben viele Robben mit Ozeanabfällen zu kämpfen. Die Stars des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München mit dem Niederländer Arjen Robben, machten im November auf besondere Art und Weise auf diesen Umstand aufmerksam. Am 05.11.16 stand die Ausstattung der Münchener im Mittelpunkt. Grund dafür war das Trikot der Spieler. Es bestand aus Garnen und Fasern, die aus recycelten und aufbereiteten Plastikabfällen gefertigt wurden, welche zuvor an der maledivischen Küste eingesammelt wurden. Mit dieser Aktion versuchte Ausrüster Adidas auf ein beachtliches Problem aufmerksam zu machen, denn immer mehr Tiere werden Opfer von umher schwimmenden Plastikteilen, an denen sie sich verletzen oder in ihnen verfangen können.

»PLASTIC IS FOREVER« Doch was genau passiert mit dem Müll im Ozean? Grundsätzlich wird der Plastikmüll oftmals im Meer entsorgt und dort durch Winde, Wellen und Strömungen verteilt. Allerdings wird er nicht ausschließlich in seiner ursprünglichen Form zur Gefahr für die Meeresbewohner. Auf langer Hinsicht (dieser Vorgang dauert bis zu 600 Jahre) sorgen Meeressalz und intensive Sonneneinstrahlung dafür, dass sich größere Teile in winzige Plastikteilchen (Mikroplastik) zersetzen. Diese sinken wiederum an den Meeresgrund und werden von Krebsen oder Fischen aufgenommen. Auf diesem Weg gelangt der Müll in die Nahrungskette, wird von Vögeln und Robben gefressen, und irgendwann auch von den Menschen in Form von Fisch und Meeresfrüchten konsumiert.

FILMSTART AUF WANGEROOGE Gerade in der heutigen Zeit wird unser Umgang mit der Umwelt immer wichtiger. Aktionen wie die der Bayern und Adidas sorgen für die nötige Aufmerksamkeit. Jedoch ist es letztendlich jeder Einzelne, der die Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Der Filmemacher Wolf-Dietrich Hufenbach will mit seinem Film »Permanent: Plastic is Forever« noch weiter auf die oben geschilderte Thematik eingehen. Mit den Dreharbeiten zum Film über Plastikmüll im Meer und die Folgen, hatte Hufenbach bei den ersten Wangerooger Müllsammeltagen im Sommer begonnen. Bei dieser Aktion waren mehr als 30 Müllsammler dem Aufruf von Mellumrat, Zukunftswerkstatt, dem Nationalpark-Haus, sowie der Gemeinde-/Kurverwaltung gefolgt, um dann am Strand all das aufzusammeln, was dort nicht hingehört. Auf der Zedeliusstraße wurde im Anschluss außerdem ein Strandmüll-Sortierungsplatz eingerichtet. Der Film wurde am 12. November im Wangerooger Rosenhaus uraufgeführt. Danach stand der Regisseur für offene Fragen der Zuschauer zur Verfügung.

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TEXT: MARC OSENBERG

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GUTE VERBINDUNG

Wunderschönes Wangerooge. An diesem heißen Sommertag steht die Luft schwül und drückend im windgeschützten Heidegebiet westlich des Inseldorfes. Die blühende Besenheide taucht die Dünen in zartes Purpur, Insekten summen, an den Kleingewässern hört man immer wieder ein leises Plantschen, wenn die Schwalben auf Beutezug kurz ins Wasser eintauchen. Nur wenige Wanderer sind unterwegs. Doch unvermittelt stößt man auf kleine Gruppen junger Menschen, die schwer arbeiten und schwitzen, aber offenbar Spaß dabei haben, viel lachen und sich in verschiedensten Sprachen unterhalten. Mit Spaten, Hacken und Astscheren rücken sie gezielt der Kartoffelrose und der Spätblühenden Traubenkirsche zu Leibe. Diese beiden Gehölzarten kommen von Natur aus auf der Insel nicht vor, wurden vor vielen Jahren vom Menschen eingeschleppt und haben beide die Eigenschaft, sich invasiv auszubreiten und alles zu überwuchern.

Nicht nur die Heide, auch andere kleine, lichtliebende, gefährdete und deshalb geschützte Pflanzenarten haben so keine Chance mehr. Da hilft nur eines: den so genannten Neophyten entschlossen entgegentreten. Anfangs standen einige Insulaner den Maßnahmen skeptisch gegenüber. Sie hatten sich über die Jahre an die Kartoffelrose gewöhnt und die schleichende Bedrohung der geliebten Heide war vielen nicht bewusst. Zum Auftakt der langjährig angelegten Renaturierungsmaßnahme, im Winter 2010, ließ die Nationalparkverwaltung dann auch noch Bagger anrollen, um erst einmal großräumig Luft zu schaffen und die Rohbodenverhältnisse wieder herzustellen, die die Pionierpflanzen der Heidegesellschaft zwingend benötigen. Bagger im Schutzgebiet – das konnten viele nicht nachvollziehen. Doch dieser einmalige »brachiale« Eingriff war nur die notwendige Initialzündung für die weitere Pflege und Entwicklung. Schon nach wenigen Monaten war zu erkennen, wie die Heidepflanzen das Areal dankbar annahmen. Im Sommer 2010 kam die erste Gruppe von Freiwilligen der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd) nach Wangerooge, um in behutsamer Handarbeit den Neuaufwuchs von Kartoffelrose und Traubenkirsche zu entfernen.

Seitdem – nun zum 7. Mal in Folge – gehört die engagierte multikulturelle Einsatztruppe zum hochsommerlichen Bild im Heidegebiet und die fleißigen jungen Leute sind gern gesehene aktive Gäste. Die Inselgärtnerei unter Leitung von Rolf Kretzberg unterstützt die Gruppe bei Abtransport und Entsorgung des Strauchguts. Bürgermeister Dirk Lindner hat die frisch eingetroffene Gruppe persönlich begrüßt. Die »Küstenheide«-Camps werden in bewährter Kooperation zwischen Nationalparkverwaltung, ijgd und dem Mellumrat organisiert. Norbert Hecker, Botaniker bei der Schutzgebietsverwaltung, ist für das fachliche Konzept zuständig, kümmert sich aber auch um Unterkunft, Werkzeuge und anderes, was die Freiwilligen benötigen. Mathias Heckroth und weitere Mitarbeiter des Mellumrates sind als orts- und sachkundige Betreuer beim Einsatz mit der Gruppe im Gelände. Hilke Steevens, Projektreferentin für Internationale Workcamps beim ijgd- Landesverein Niedersachsen e. V. (Hildesheim), kümmert sich um »Rekrutierung« der Freiwilligen und Finanzen.

»Unser besonderer Dank geht an die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung und die Naturschutzstiftung Friesland-Wittmund- Wilhelmshaven, die auch in diesem Jahr dieses erfolgreiche Projekt gefördert haben«, sind Norbert Hecker und Hilke Steevens sich einig. »Ohne diese großzügige finanzielle Unterstützung könnten wir das Camp nicht realisieren«. Die Work-Camps werden von den ijgd international ausgeschrieben – das Wangerooger Camp ist immer schnell ausgebucht. In diesem Jahr sind es 16 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 22 Jahren, zwei davon als Teamleiterinnen. Die weiteste Anreise haben Yu-Hsuan (Taiwan) und Jinhee (Südkorea) auf sich genommen. Camila und Alejandra kommen aus Argentinien bzw. Peru; sie verbringen beide ein Austauschjahr in Deutschland.

2016-12-26_163212Anna und Anastasija sind extra aus Russland angereist, Verner aus Estland, Nuria und Dario aus Spanien, Paulo und George aus Italien, Florian aus Österreich. Aus Deutschland kommen die beiden Freundinnen Alexa und Johanna sowie Teamleiterin Rebecca, die sich die Verantwortung mit Malene aus Dänemark teilt. Die Motive für die Entscheidung, in den Ferien zu »schuften« statt zu faulenzen, sind vielfältig. Keiner der diesjährigen Teilnehmer, sie sind alle Schüler oder Studierende, plant einen beruflichen Werdegang im Naturschutz, aber alle verbindet der Wunsch, aktiv etwas für den Erhalt der Natur zu tun. Weitere Beweggründe sind, Gleichaltrige aus anderen Ländern und deren Kultur kennenzulernen oder eigene Sprachkenntnisse – Deutsch oder Englisch – zu verbessern.

Eine Teilnehmerin wurde durch ihre Mutter motiviert, die selbst früher bei ijgd-Camps dabei war. »Zurück in den Heimatländern, sind diese jungen Freiwilligen internationale Botschafter für das Weltnaturerbe Wattenmeer «, ist Imke Zwoch überzeugt, die das Freiwilligenprogramm im Nationalpark koordiniert. Ein gern gesehener Nebeneffekt der Gruppeneinsätze. Doch die Hauptsache ist: Über die Jahre lässt sich eine erfreuliche Entwicklung der Heidepflanzen und anderer botanischer Kostbarkeiten feststellen, die vom Druck der invasiven Gehölze befreit wurden. Diese muss man langfristig weiterhin im Auge behalten, sie werden immer wieder versuchen, sich durchzusetzen. Aktuell waren Norbert Hecker und seine Mitstreiter positiv überrascht, dass auf einzelnen Teilflächen des Projektgebietes kein einziger Trieb der Neophyten zu finden war: »Die Freiwilligen haben in den letzten Jahren fantastische Arbeit geleistet.«

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WINDPARK VOR WANGEROOGE

Ja, es stimmt: Kurz vor dem Sommer 2016 hat 15 Kilometer nordöstlich von Wangerooge der Bau des Windparks Nordergründe begonnen: Dort wurde der erste Monopile in den Meeresboden gerammt. In Betrieb gehen soll der Windpark mit 18 Anlagen von gut 160 Metern Gesamthöhe noch in diesem Jahr.

on Wangerooge aus sind die Gründungs- und Bauarbeiten gut zu sehen. Und viel Schiffsverkehr herrscht zwischen dem Baufeld Nordergründe und Hooksiel. Der Windpark hat eine Nennleistung von 111 Megawatt. Erinnern Sie sich? Vor knapp zehn Jahren hatte die Gemeinde Wangerooge gegen den Bau des Offshore-Windparks geklagt, weil sie befürchtete, die von der Insel aus sichtbaren 18 Windräder würden den Ferienverkehr beeinträchtigen. Die Klage war allerdings abgelehnt worden. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und die Umweltstiftung WWF hatten wegen Gefahren für wildlebende Vogelarten durch den Windpark Rechtsmittel gegen den Windpark eingelegt. 2011 war ein Vergleich zwischen den Naturschutzverbänden und dem Unternehmen Energiekontor in Bremen als Projektträgerin unterzeichnet worden. Der Baubeginn des Windparks war für 2012 angekündigt worden, hatte sich dann jedoch um vier Jahre verzögert. Auch Hooksiel – wie die NWZ berichtete – ist in den Bau des Windparks eingebunden: Der Außenhafen soll Basishafen für den Betrieb von Nordergründe werden. Operationsbasis wird die ehemalige Spielscheune Bullermeck, die im vergangenen Jahr von der Kähler-Werft übernommen worden war. Im Hafen Hooksiel kommt auch das Seekabel an Land, mit dem der in Nordergründe produzierte Strom abtransportiert wird. Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet begann mit der Verlegung des 28 Kilometer langen Seekabels: Das Seekabel wurde in das unter dem Deich hindurchführende Leerrohr eingezogen. Das vier Kilometer lange Landkabel war bereits 2012 verlegt worden. Es führt zum Umspannwerk nahe Inhausen, das dafür 2013 entsprechend erweitert worden war. Übrigens: In Niedersachsen wird mehr Strom aus Windkraft erzeugt als in jedem anderen Bundesland. Voraussetzung dafür, dass die Windenergie zu Kunden transportiert werden kann, ist der Ausbau von leistungsstarken Leitungen an Land.

 

Windpark-Wangerooge
Foto: Evelyn Genuit

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KÖNIGLICH

Wussten, Sie dass in jedem Jahr nicht nur Schönheitsköniginnen, sondern auch Bienenköniginnen aus ganz Deutschland, Belgien und den Niederlanden regelmäßig auf die Insel kommen? Warum? Weil es auf Wangerooge perfekte Zuchtbedingungen gibt (siehe MOINBuch »Wangerooge und der Rest der Welt«).

a, seit fast 90 Jahren werden auf Wangerooge Bienen gezüchtet: Pro Jahr werden aus ganz Deutschland rund 2000 Königinnen auf die Insel geschickt, um dort befruchtet zu werden. Die Imker, die die Belegstelle von Frühjahr bis Spätsommer betreuen, haben nun eine neue Unterkunft erhalten: Die erste Hütte stammte aus den 1930er Jahren und wurde nun durch eine bequemere, neue ersetzt. Mit Unterstützung des Landkreises, der Barthel-Stiftung und der Volksbank
Stiftung wurde dies ermöglicht. Der Neubau (Kosten 34 000 Euro) wurde den Sponsoren und Mitgliedern des Kreis-Umweltausschusses vorgestellt. In der Hütte mit Küchenzeile und Schlafkoje leben die Imker in der Zeit, in der sie die Bienen jedes Jahr neu zur Belegstelle auf die Insel bringen. Geöffnet hat die Belegstelle von Frühjahr bis Spätsommer. Wenn die Bienen aktiv sind. Imker Friedrich-Karl Tiesler informierte alle Gäste über die Bienenzucht. »Eigentlich bin ich Bauingenieur, aber schon seit meiner Jugend interessiere ich mich für die Bienen«, so Tiesler. Die Züchtung der Honigbiene sei genauso wichtig wie die anderer Tiere auch. »Nach Rindern und Schweinen ist die Biene aus Sicht der wirtschaftlichen Bedeutung am drittwichtigsten«, betonte er. Gerade auf der Insel sei die Zucht von hoher Bedeutung: Wenn sich Bienenkönigin und Drohne paaren, dann meist fünf bis sechs Kilometer hoch in der Luft, fernab des Imkers. Dafür bräuchte man am Festland eine enorm große Fläche, ein Gebiet von etwa 300 Quadratkilometern, erklärte Tiesler. Das ist auf der Insel leichter, weil sie von Wasser umgeben ist. Hier können die Bienen nicht davonfliegen und sind für die Züchter leichter wiederzufinden. Bei der Zucht wird besonders auf hohe Widerstandsfähigkeit, aber auch auf Friedfertigkeit und natürlich den Honigertrag geachtet. Die Widerstandsfähigkeit sei besonders wichtig, damit sich die neuen Bienenvölker gegen Parasiten wie die Varroamilbe wehren können. Diese schwächt die Völker und führte in den vergangenen Jahren zu massenhaftem Bienensterben, wie die MOIN und die NWZ berichteten.

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Wie kommt der Müll auf die Insel

Friedrich-Wilhelm Petrus hat bekanntlich seinen Dienst für die Inseltiere aufgegeben. Mit 77 darf er das auch. Aber auch Petrus macht sich Sorgen. Wie an den anderen Nordseestränden gibt es auf Wangerooge viele Fundsachen – wie Marco Seng in der Nordwest-Zeitung schrieb.

Die beiden Männer in ihren blauen Anoraks stemmen sich gegen den Sturm. Windstärke acht und mehr am Rysumer Nacken,Müll-am-Meer-1 der Regen peitscht aus Südwest. Plastikmüll weht übers Land, bleibt hinterm Deich hängen, im Schilf, an den  Muschelbänken. Onno K. Gent, hauptamtlicher Ranger der Nationalparkverwaltung Wattenmeer und Uwe Schramm, ehrenamtlicher Ranger, sind nicht begeistert, von dem, was sie da unten sehen. Im Deichvorland von Loquard, nördlich von Emden, schillert das Ergebnis der letzten Sturmflut in Farben, die in der grauen Jahreszeit nicht recht in die Natur passen wollen. Ein blauer Plastikbehälter rottet im nassen Gras vor sich hin, ein weißer Stuhl, ein gelber Deckel. Meterhoch habe sich der Müll nach der Sturmflut vor einem Jahr am Strand aufgetürmt, erzählt der 74-jährige Schramm. Wind und Wasser haben den Unrat gleichmäßig über das alte Spülfeld verteilt. Niemand räumt auf. Wenige hundert Meter weiter  nordwärts hinterm Campener Leuchtturm noch eine »problematische Ecke«. Vom Deich aus erblicken Gent und Schramm einen Mann mit gelbem Südwester, der in der Schutzzone spaziert. Nicht erlaubt, machen ihm die Ranger klar. Er suche nach Flaschenpost, erklärt der Mann auf platt. »Nicht gerade ein Hotspot für Flaschenpost«, schmunzelt der 58-jährige Gent, als sich der Eindringling getrollt hat.

Dafür aber ein Sammelpunkt für Plastikmüll aller Art. Schramm hat hier vor einigen Wochen aufgeräumt: Flaschen, Dosen, Netzreste. Doch die Schiffe, die in der Emder Bucht fahren, sorgen ständig für Nachschub: Zack, einfach über Bord mit den leeren Farbdosen, Fetteimern, Reinigungsmittelbehältern. Strömung und Wind treiben den Schiffsmüll zur Muschelbank. Es werde immer mehr angetrieben, meint Schramm. »Das ist ein globales Problem«, sagt Gent. »Aber man darf deshalb hier die Augen nicht verschließen.« Ein Trupp Sanderlinge trippelt hektisch über die vermüllte Muschelbank. Ein Schwarm Austernfischer fliegt gegen den Wind an. »Die Touristen machen das nicht«, betont Schramm. Seit 20 Jahren kümmert sich der Pewsumer um den Strand in der Krummhörn. »Mein ganzes Leben lang bin ich schon Naturschützer.« Der  rtenschutzund
Salzwiesenexperte Gent wünscht sich ein paar mehr fleißige Hände, um den Müll zu sammeln. Die Jungs vom  Bundesfreiwilligendienst zum Beispiel, die Vögel zählen im Nationalpark. Und natürlich müssten die Landkreise bei der Entsorgung helfen.
Müll-am-MeerGefahr für Tiere Anderer Ort, gleiches Thema. Dangast am Jadebusen. Kalter Wind aus Nordost. Es riecht nach Schnee. In der Geschäftsstelle des Mellumrates betrachtet der Vereinsvorsitzende Thomas Clemens schockierende Bilder von Müllopfern in der Deutschen Bucht: eine Trottellumme, erdrückt von einem Rexgummi, ein Taschenkrebs verheddert in Angelschnur, eine Scholle, gefesselt von einem Gummiring, ein Basstölpel, erhängt in Netzresten. Clemens schüttelt den Kopf. Die  Verschmutzung der Weltmeere sei eine Gefahr für Mensch und Tiere, sagt er. »Der Müll wirkt als Todesfalle über Jahrzehnte und Jahrhunderte «, warnt der Naturschützer. »Und der Strandmüll ist nur der sichtbare Teil der Meeresverschmutzung.« Die  Spitze des Eisbergs sozusagen. Seit mehr als 25 Jahren sammelt der Mellumrat die Daten von Müllteilen im  iedersächsischen
Wattenmeer, wertet sie aus. Ergebnis: Die Menge an Müll ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts drastisch gestiegen. Das gilt auch für Hamburg und Schleswig-Holstein, wahrscheinlich sogar weltweit. Alleine in der Nordsee sollen bis zu 20 000  Tonnen Müll schwimmen oder liegen. Aber das ist nur eine Schätzung. »Es ist so, dass es keinen Strand mehr gibt ohne Müll«, berichtet Clemens.
Gut, Abfall gibt es, seit es Menschen gibt, seit der Steinzeit. »Die heutigen archäologischen Fundstätten sind die Müllkippen  von damals«, sagt der Naturschützer. Mit dem großen Unterschied, dass Menge und Lebensdauer des Mülls sich dramatisch verändert haben. »Produkte aus Ton, Glas oder Holz richten beim Zerfall keinen Schaden an«, erklärt Clemens. Plastik und Kunststoffe indes schon. Der Makromüll zerbröselt ganz langsam zu Mikromüll. Das Mikroplastik kommt über Fische in die Nahrungskette – und in den Menschen. Auch in Vögeln, Robben und Krabben wurde es gefunden. Mikroplastik wirke zudem wie ein Schwamm, sagt Clemens. »Es bindet Schadstoffe wie Arsen, Cadmium, Blei, Schweröle.« Die Folgen?

Unfruchtbarkeit?
Krebs? Wahrscheinlich. Nach Angaben von englischen Forschern bestehen bereits 15 bis 20 Prozent der Strände aus Plastikpartikeln. Der Nordsee-Müll sammelt sich nach den Erkenntnissen der Umweltschützer vor  allem an den  Inselstränden. Scharhörn ist stark betroffen, Mellum und Minsener Oog. Auf diesen unbewohnten Eilanden gibt es keine Kurverwaltung und keine Müllabfuhr. Woher kommt der Abfall? Clemens zuckt die Schultern. »Es ist sehr schwierig, die  Verursacher festzustellen.« Der größte Teil aus der Schifffahrt, ein bisschen vom Tourismus, in anderen Ländern auch von Müllkippen an Flüssen. Warum wird der Abfall an bestimmten Stränden angetrieben? Die Schifffahrtsrouten spielen laut Clemens eine Rolle, die Tide, der Wind, aber vor allem die Drift der Nordsee, die Niedersachsen vermüllt und Schleswig-
Holstein eher verschont. Fünf große Strudel Forscher haben in den Weltmeeren fünf gigantische Müllstrudel ausgemacht. Der im Nord-Atlantik trifft auch die Nordsee. Clemens berichtet von einem Experiment französischer Schüler, die bei Cherbourg eine teilweise mit Sand gefüllte Flasche ins Meer werfen um die Verdriftung zu erforschen. Drei Monate später wird sie auf Mellum angespült. Auch Flaschenpost aus Schottland treibt auf der Vogelinsel an, genauso wie eine Bierflasche aus Wilhelmshaven, knapp 100 Jahre alt.Vor zwei Jahren startet der Mellumrat eine einmalige Aktion auf der Insel. 40

Freiwillige räumen sieben Kilometer Strand und Dünen an einem Tag auf. Ergebnis: rund 54 000 Müllteile. »Dass zeigt auch, dass das Thema in der Bevölkerung angekommen ist«, meint Clemens. Für regelmäßige Räumungen fehlt allerdings das Geld.
Und wie soll es weitergehen? Müllvermeidung, klar. Ersatzstoffe? Für Clemens noch nicht das Nonplusultra. »Wenn  Plastikmüll eine Ressource ist, die es sich zu recyceln lohnt, wird das rausgefischt«, sagt er. Allzu optimistisch klingt das nicht. Erstmals wurden sämtliche Daten der systematischen Strandmüllerfassung an der Nordseeküste in einer Datenbank  zusammengefasst.

Die Vereine »Jordsand«, »Schutzstation Wattenmeer« und »Mellumrat « haben von 1989 bis 2013 etwa 240 000 Daten von Müllteilen an acht Stränden in den Nationalparks Hamburgisches, Schleswig- Holsteinisches und Niedersächsisches Wattenmeer gesammelt. An jedem der acht Strandabschnitte war die Sammelkategorie Plastik /Styropor/Schaumgummi die häufigste. Durchschnittlich haben Plastik und Kunststoffe einen Anteil von fast 70 Prozent
am Strandmüll. Es folgen Holz, Fischereigeräteund Glas/Porzellan.

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