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DIE TÄNZER UND DIE STARS IM ALTEN HOTEL FRESENA

Wenn durch die Drehtür des Fresena Gelächter, Gesprächsfetzen und die Takte der aktuellen Schlager auf die Zedeliusstraße drangen, dann fand natürlich wieder einer der festlichen Tanzabende statt. »Ramona, zum Abschied sag‘ ich dir Good Bye« oder »Buh-huh, ich möchte weinen buh-huh«, konnte in den 1950er und 1960er Jahren fast jeder Inselgast mitsingen. Drei Wangerooger Hotels veranstalteten abwechselnd die gesellschaftlichen Höhepunkte des Inselurlaubs: Das Germania, das Monopol und ganz besonders natürlich das Hotel Fresena.

MOIN NR. 4 · 2020

WIE ALLES BEGANN

Wangerooge war schon lange vor dem 1. Weltkrieg ein prosperierendes Seebad. Für das Jahr 1911 zählte die offizielle Bäderstatistik knapp 17.000 Gäste. Im November des Jahres bat der Juister Hotelbesitzers Claas Peter Freese gehorsamst um die Bauerlaubnis für ein Hotel auf der Zedeliusstraße. Im März 1912 war Baubeginn und gut drei Monate später war alles fix und fertig und das nagelneue Hotel Fresena konnte zum Saisonbeginn den Gästebetrieb aufnehmen.

Zu den bereits bestehenden sechs großen Hotels auf Wangerooge war somit ein siebtes dazu gekommen, und zwar ein ganz besonders vornehmes. Im Gegensatz zu den damals in den Hotels üblichen Gemeinschaftstafeln wurde den Gästen im Fresena an einzelnen Privattischen serviert, und das viergeschossige Haus mit seinen 40 Zimmern und 90 Betten war schnell eine der besten Adressen der Insel. Ein livrierter Hausdiener brachte das Gepäck der Erholung suchenden Herrschaften mit einem Karren zum Hotel, wo sich das geneigte Publikum nachmittags zu Kaffee-Konzerten und Tanztee traf.
Die Kriegserklärung im August 1914 setzte allem gesellschaftlichen Leben ein abruptes Ende. Erst am 1. Juni 1919 fand die zivile Wiedereröffnung des Wangerooger Strandbades und auch des Hotel Fresena statt. Die Badekommission beschrieb in ihrer Ankündigung die Kriegsunterbrechung euphemistisch als »vierundeinhalbjährige Betriebsstörung«.

1934 übernahmen die jüngste Tochter Freeses, Hilke Anna Johanne, genannt »Anni«, und ihr Mann Richard Haase den Hotelbetrieb. Doch die nächste Katastrophe hatte zu der Zeit schon längst begonnen.

Der 2. Weltkrieg traf die Insel und auch die Hoteliersfamilie Haase schwer. Erst war der Tod des Sohnes zu beklagen und dann wurde beim Bombenangriff am 25. April 1945 das Gebäude schwer beschädigt.

NEUANFANG UND ZWEITE GLANZZEIT

Anni Haase war gelernte Gastronomin, die niemals aufgab. Sie führte das Hotel durch mehr als vier unruhige Jahrzehnte – durch Wirtschaftskrise und Zweiten Weltkrieg, durch Zerstörung und raschen Wiederaufbau und dann zu erneuter Prosperität in den 1950er und 60er Jahren.

Schon 1946 war der Wiederaufbau des Hotels abgeschlossen und allmählich buchten die ersten Gäste ihren ersten Nachkriegs-Urlaub im Fresena.

Das Ehepaar Haase nahm nach dem Krieg Günther Matetzki als ihren Sohn an. Nach dem Tod Richard Haases 1953 übernahm Günther Haase-Matetzki immer mehr Verantwortung innerhalb des Hotelbetriebes und wurde schließlich von Anni Haase zum Geschäftsführer ernannt.

Die große Zeit des Fresena ist eng verbunden mit den Conférenciers Fréderic Eté und ganz besonders Horst Klemmer. Er war es vor allem, der ab den späten 1960er Jahren die Stars der damaligen Zeit dem Wangerooger Publikum vorstellte: Zarah Leander und Lale Andersen, Heinz Erhardt und Henry Vahl, Billy Mo und Bernd Clüver, die Dutch Swing Collage Band, Heinz Schenk, Vico Torriani und viele andere Granden des Showbusiness. Die Ankunft der Stars wurde regelmäßig von einer ungeduldigen Menschenmenge vor dem Hotel erwartet.

Zu den abendlichen Veranstaltungen war es selbstverständlich, dass die Gäste festlich gekleidet erschienen. Ohne Cocktailkleid kam keine Dame ins Fresena, ohne Schlips und Anzug keiner der Herren. Die Kleidung wurde schon am Eingang begutachtet, Karl-Heinz Stumpf oder Walter Heiburg achteten penibel auf die Einhaltung der Kleiderordnung. Und natürlich darauf, dass sich niemand Unbefugtes an einen der reservierten Tische setzte, an den Nagel-Schmidt-Tisch beispielsweise, den Rudi-Rückwarth-Tisch oder den für den namensgebenden Bremer Juwelier reservierten Meyer-Tisch.

Die 4 Harmoniker und die 3 Peheiros waren so etwas wie die Hauscombos des Fresena. Bei Liedern wie »Wasser ist zum Waschen da, falleri und fallera« amüsierte man sich königlich und bestellte sich in allerbester Laune beim Oberkellner Herrn Warner noch eine »Kalte Ente«. Oder ein Herrengedeck und für die Damen einen Kullerpfirsich. Der Adonis von Wangerooge wurde im Fresena gekürt und in späteren Jahren auch die Miss Wangerooge.

Der Insulaner Peo Post muss bei der Erinnerung an die rauschenden Feste noch heute schmunzeln. »Wenn ich eine junge Frau zum Tanzen auffordern wollte, musste ich mich an ihren Vater wenden und ihn um den nächsten Tanz mit seiner Tochter bitten. Tja«, sagt er nicht ohne eine gewisse Wehmut, »so gehörte sich das damals eben.«

Ich war vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, erinnert sich der Wangerooger Torsten Zoeke an seinen ersten abendlichen Besuch, und im Fresena spielten die »Vier Harmoniker«. In der angeschlossenen Sektbar Kupferkanne wurde in den Tanzpausen ein Marschwalzer gespielt, zu dem die Herren einen Kreis bildeten, innerhalb dessen sich auch die Damen zu einem Kreis formierten. Gegenläufig drehten sich die Tanzkreise bis die Musik jählings stoppte. Die Dame, der man dann gegenüber stand, war die nächste Tanzpartnerin.

Als die Musik abbrach stand ich einer Dame gegenüber, die größer und gewichtiger war als ich. Nein, sie war wirklich nicht gerade meine Wunschpartnerin gewesen. Beim Tanz ließ ich mich von ihr führen, das ging ganz prima. Als jedoch die Ansage kam, nun sollen die Herren ihre Damen bitte zur Sektbar tragen, kamen mir gewisse Zweifel. »Komm man her, mien Lütten«, rettete meine Tanzpartnerin geschickt die Situation, »so wird das ja doch nix«, sprach’s, nahm mich auf ihren Arm und trug mich zu einem Glas Belohnungssekt.

Wohl jeder, der als Gast an den Konzerten und Tanzabenden im Fresena teilgenommen hat, erinnert sich auf seine ganz eigene Weise an ausgelassene Stimmung und ungestüme Tänze, an glanzvolle Starauftritte oder gar an bacchantische Abende.

FINIS

Die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Gewohnheiten der Menschen. Immer mehr Ferienwohnung entstanden auf Wangerooge, die Zeit der noblen Hotels ging endgültig dem Ende zu. Man kleidete sich zunehmend leger und ging viel lieber in eine unprätentiöse Bierkneipe statt auf einen glamourösen Ball.

Schon Mitte der 1970er Jahre zeichnete sich ab, dass Anni Haase und Günter Haase-Matetzki das Hotel in dieser Form nicht würden halten können. Zum 1. Januar 1979 verkauften sie das Haus an den Caritas-Verband Dortmund und beendeten damit die schillernde Ära des Hotel Fresena. Das einst vornehmste Hotel am Platz wurde umgebaut zum Ferien-Heim, in dem Senioren, Familien und behinderte Menschen während ihres Wangerooge-Urlaubs wohnen ­konnten.

Der große, nur in gesellschaftsfähiger Kleidung zu betretende Tanzsaal und die Sektbar Kupferkanne sind einem schlichten Drogeriemarkt gewichen.

Mit dem Weiterverkauf 1991 und der anschließenden Renovierung des Hauses Fresena änderte sich abermals die Nutzung der Räumlichkeiten. Dem Trend der Zeit folgend wurden die separaten Zimmer zu profitableren Ferienwohnungen umgebaut.

Das in einen Teil der Fresena-Räume eingezogene Café Treibsand setzt zumindest die gastronomische Tradition des Hauses fort.

Wer heute auf der Zedeliusstraße das Fresena passiert und den Blick nach oben schweifen lässt, vermutet hinter der einstmals so schönen Fassade sicherlich mehr als nur einfache Ferienwohnungen. Dass aber Chris Howland, Willy Hagara oder ein frisch gekürter »Adonis von Wangerooge« aus dem Gebäude tritt – nein, das erwartet gewiss niemand mehr.

Text: AXEL STUPPY

FOTOS: Friedel Faist + Privat