WENN SCHIFFE VERSINKEN

Raues Klima, hohe Wellen, scharfer Wind. Die Nordsee birgt auch Gefahren. Dagegen ist die Ostsee ein kleines und scheinbar ungefährliches Meer. Und doch gibt es Meldungen wie die vom Winter 2016: Vor der Insel Fehmarn sinkt der Fischkutter »Condor«.

Es gibt keinen Notruf. Die See ist ruhig. Stunden später finden Suchschiffe die Leichen der beiden Fischer. Ein Unglück, das Rätsel aufgibt und auch in der Nordsee vor Wangerooge passieren könnte. Am Morgen jenes Tages legen der Kapitän und sein Matrose mit ihrem 16 Meter langen Kutter im Hafen von Burgstaaken auf Fehmarn ab und fahren raus zum Fischfang. Wie die »Lübecker Nachrichten« schreiben, hätten sie gegen Mittag Unterstützung bei ihrer Rückkehr in den Hafen von Burgstaaken angefordert, weil sie so viel Fisch gefangen hätten. Das war der letzte Kontakt. Als die Condor gegen 18 Uhr noch immer nicht zurück ist, wird eine Such- und Rettungsaktion gestartet. Was in der Zwischenzeit geschieht, liegt bis heute im Dunkeln.
Fakt ist: Am Tag des Untergangs herrscht klare Sicht bei Windstärke vier aus südlicher Richtung. Laut Radaraufzeichnungen verschwindet die Condor nicht plötzlich. Sie verharrt einige Zeit auf der Stelle. Ein Indiz, dass der Kutter nicht schnell untergegangen ist. Der Unglücksort liegt etwa 6,5 Kilometer vor der Ostküste Fehmarns. Es wird kein Notrufsignal abgesetzt.

Eine Seenotfunkbake, die bei Kontakt mit Wasser automatisch ein Signal senden soll, bleibt stumm und unauffindbar. Die Rettungsinsel bleibt am Schiff hängen, anstatt sich zu lösen und aufzublasen. Das Wrack weist beim Auffinden keine äußerlichen Beschädigungen auf. Fotos der Bergungsarbeiten zeigen aber einen großen Riss auf der Steuerbordseite. Zwei Stunden nach Beginn der Suchaktion werden im Wasser treibende Fischkisten entdeckt. Kurz darauf die leblosen Körper der Fischer. Sie tragen keine Schwimmwesten. Der Kapitän hat aber einen Rettungsring umgelegt. Die Obduktion ergibt später: Die Seemänner sind nicht ertrunken, sondern im vier Grad kalten Wasser an Unterkühlung gestorben. Das Wrack ortet man erst vier Wochen später. Auf der Insel Fehmarn ist man ratlos. »Es war bestes Fischereiwetter. Kein spiegelglattes Meer, aber auch keine hohen Wellen. Die Sonne schien«, sagt Benjamin Schmöde, Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft Fehmarn, zu t-online.de. Der Kapitän (52) und sein Matrose (45) seien erfahren und zuverlässig gewesen. Wen und warum die beiden angefunkt und um Hilfe bei der Rückkehr gebeten haben, kann Schmöde nicht sagen. Vielleicht sollte jemand bei der Verarbeitung des Fischs helfen, aber das sei nur eine Mutmaßung. Zu den Spekulationen um die Unglücksursache möchte er sich nicht äußern. Er kenne die Familien. Das Ganze sei schon tragisch genug.

SCHIFF HATTE SCHON DAS »LEICHENHEMD« AN
Ist die Ursache des Untergangs vielleicht im Alter des Schiffes zu suchen? Auch wenn die Condor in einem guten technischen Zustand gewesen sein soll, sie war nicht mehr die Jüngste. Gebaut 1943, der Rumpf ist aus Holz. Der Journalist und Schiffsexperte Lutz Riemann, Mitautor des Buches »Der Fall Beluga: Ein Unglück auf der Ostsee und wie es vertuscht wurde«, verrät im Gespräch mit t-online.de: »Man sagt, sie hatte schon ihr Leichenhemd an.« Das bedeutet, der Holzrumpf wurde nach außen mit Polyester oder Epoxyd in Verbindung mit Glasfasergewebematten laminiert. Diese Schicht bildet eine zweite Außenhaut, birgt aber bei alten Schiffen die Gefahr, dass das Holz darunter zu gammeln beginnt, wenn es beim Aufbringen des Laminats nicht richtig trocken ist. Riemanns Vermutungen decken sich mit den Aussagen von Jens Pap, dessen Bergungsunternehmen das Wrack der Condor vier Wochen nach dem Untergang aus 22 Metern Wassertiefe holte und zur Untersuchung nach Rostock brachte. »Der Schiffsrumpf ist laminiert«, bestätigt er. Und er kann den großen, sichtbaren Riss in der Bordwand des Kutters erklären: »Dieser Riss geht nur durch die laminierte Schicht. Während der Bergungsarbeiten ist diese Schicht beim Absetzen gerissen, weil sie unter Spannung stand.« Der Holzrumpf darunter sei, soweit erkennbar, unbeschädigt. Auffälligkeiten, die auf die Unglücksursache deuten könnten, hätten die Bergungstaucher nicht entdeckt. Jedoch befanden sich an Deck Netze mit noch lebenden Fischen. Die Netze wurde aufgeschnitten, um die Fische frei zu lassen und die Sicherheit der Taucher zu gewährleisten.

seenotretter
UNTERSUCHUNG KANN EIN JAHR DAUERN
Die Nachricht von den vollen Netzen befeuert nun die Gerüchte, nach denen das Schiff beim Heben des Fangs durch eine Verlagerung des Schwerpunktes gekentert sein könnte. Doch daran glaubt der Experte Lutz Riemann nicht. »Dazu war die Besatzung zu erfahren. Die lassen ihren Kutter nicht beim Einholen der Netze kentern.«
Wie viel Fisch gefangen wurde, müsste im Fischereilogbuch des Schiffes stehen. Das zu führen, sind die Fischer verpflichtet. Auch auf See. Doch ob das Buch gefunden und geborgen wurde, darüber gibt es keine Auskunft. Die Bergungsmannschaft jedenfalls habe keins gesehen, so deren Chef Jens Pap. Verantwortlich für die Aufklärung solcher Unfälle ist die Bundesstelle für Schiffsunglückuntersuchung (BSU). Doch dort hält man sich bedeckt. Bis ein endgültiges Untersuchungsergebnis vorliegt, kann ein Jahr vergehen, heißt es auf Anfrage. Die Untersuchungen in Rostock seien zwar vorerst abgeschlossen, doch nun müssen die Gutachten erstellt werden und »die brauchen ihre Zeit«. Neben der Überprüfung der Maschinenanlage und des Equipments sowie des Rumpfes werde »eine mögliche Überladung des Schiffs Gegenstand der Untersuchung sein«, so ein Sprecher.
GEFÄHRLICHE REVIERE
Aber auch ohne Überladung und trotz bester Wetterbedingungen – Gefahren lauern in der Ostsee überall. Sie ist ein gefährliches Revier und gehört zu den am stärksten befahrenen Gewässern der Welt. Dabei ist die Ostsee mit einer Fläche von rund 420.000 Quadratkilometern nur ein kleines Binnenmeer, aufgeteilt in viele Buchten und durchzogen von vielen Inseln. Rund 1.800 Schiffe, Frachter, Fähren und Tanker, sind tagtäglich zwischen Finnland und Dänemark unterwegs. Fischkutter, Segler und Sportboote nicht mitgezählt. Viele der großen Schiffe fahren unter Billigflagge, sind zum Teil schlecht ausgerüstet. Es herrscht hoher Termindruck. Dazu kommen in dem durchschnittlich nur 55 Meter tiefen Meer gefährliche Untiefen und Sandbänke, viele Wracks sowie die Altlasten des Zweiten Weltkriegs: jede Menge Munition, von Seeminen bis zu chemischen Kampfstoffen. So bleibt der Untergang der Condor weiter rätselhaft. Warum sank sie? Und warum gaben die Seeleute keinen Notruf ab und begaben sich in eine Rettungsinsel? Vor allem für die Angehörigen der ums Leben gekommenen Seemänner ist das keine leichte Situation. Wollen Sie doch endlich wissen, warum die beiden Fischer starben. Doch ob technischer Fehler oder menschliches Versagen – der Fall zeigt, dass sich direkt vor unserer Küste ein Schifffahrtsdrama abspielen kann, von dem im Moment der Katastrophe niemand etwas mitbekommt und dessen Ursachen völlig im Dunkeln liegen.

FOTO: BERND STENGER

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